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Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2026
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Viele Vereine, Verbände und Initiativen kennen das Problem: Es fehlt an Nachwuchs. Menschen, die seit Jahren Verantwortung übernehmen, suchen nach Unterstützung oder Nachfolgern, Vorstandsämter bleiben unbesetzt und manche Projekte hängen an wenigen engagierten Personen. Doch liegt das tatsächlich daran, dass sich immer weniger Menschen engagieren möchten? Oder müssen auch die Organisationen selbst überdenken, wie sie neue Engagierte ansprechen und einbinden?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Forum Ehrenamt am 24. Oktober 2026 im Landratsamt Mühldorf am Inn. Unter dem Leitthema „Ohne Nachwuchs keine Zukunft? Neue Ideen und erfolgreiche Ansätze für die Gewinnung von Engagierten“ kamen Menschen aus Vereinen, Initiativen und der Engagementförderung zusammen. Veranstaltet wurde das Forum vom Freiwilligenzentrum Landkreis Mühldorf am Inn gemeinsam mit der Versicherungskammer Stiftung, der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern und der lagfa bayern e.V.
Das Tagesprogramm verband einen wissenschaftlichen Impulsvortrag mit Praxisbeispielen, drei unterschiedlichen Workshops und reichlich Gelegenheit zum fachlichen Austausch. Auch ich war als Referent eingeladen und durfte zwei Workshop-Runden zum Thema „Junges Engagement gewinnen – vom Nachwuchsproblem zum Mitmachverein“ gestalten. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie Vereine und Organisationen nicht nur neue Menschen erreichen, sondern auch geeignete Rahmenbedingungen für ihre Beteiligung schaffen können.
Junges Engagement in alten Organisationen?
Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete Dr. Holger Backhaus-Maul, Soziologe und Verwaltungswissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Sein Vortrag trug den Titel „Junges Engagement in alten Organisationen? Engagement als Generationenfrage“ und warf einen durchaus kritischen Blick auf die Nachwuchsdebatte.
Zunächst zeigte Backhaus-Maul anhand aktueller Zahlen, dass freiwilliges Engagement in Deutschland weiterhin weit verbreitet ist. Laut Deutschem Freiwilligensurvey 2024 engagieren sich 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren freiwillig. Unter den 14- bis 29-Jährigen liegt der Anteil mit 39,9 Prozent sogar darüber. Zwar ist die Engagementquote insgesamt gegenüber 2019 leicht zurückgegangen, von einer grundsätzlich fehlenden Bereitschaft zum Engagement kann aber keine Rede sein.
Zugleich warnte Backhaus-Maul davor, pauschal von „der Jugend“ oder „den Alten“ zu sprechen. Die Unterschiede innerhalb einer Generation können erheblich sein. Soziale Herkunft, persönliche Lebensumstände, Bildungswege und gesellschaftliche Veränderungen beeinflussen, welche Möglichkeiten und Interessen Menschen mitbringen. Schule, Ausbildung und Studium können beispielsweise dazu führen, dass bestehendes Engagement unterbrochen oder beendet wird, ohne dass deshalb grundsätzlich das Interesse daran verloren geht.
Besonders interessant fand ich seine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Organisationsstrukturen. Backhaus-Maul sprach vom „Wehklagen“ über fehlende jüngere Engagierte, während gleichzeitig vieles so bleiben solle, „wie es war und ist“. Langatmige Gremiensitzungen, stark formalisierte Abläufe und wenig veränderte Führungsstrukturen können für Außenstehende wenig einladend wirken. Wer Nachwuchs sucht, dabei aber im Wesentlichen nur „mehr vom Selben“ anbietet, sollte sich deshalb auch fragen, ob die eigene Organisation Teil des Problems sein könnte.
Zur Veranschaulichung griff Backhaus-Maul unter anderem die bekannte Geschichte vom verlorenen Schlüssel nach Paul Watzlawick auf. Darin wird ein Schlüssel unter einer Straßenlaterne gesucht, obwohl er an anderer Stelle verloren wurde – schlicht, weil es unter der Laterne heller ist. Übertragen auf die Vereinsarbeit stellt sich damit die Frage, ob Organisationen manchmal dort nach Lösungen suchen, wo ihnen die bisherigen Wege vertraut sind, statt die eigentlichen Ursachen ihrer Schwierigkeiten zu untersuchen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Bedeutung von Freiwilligenagenturen und vergleichbaren Einrichtungen. Sie können zwischen Politik, Verwaltung, Vereinen und interessierten Bürgerinnen und Bürgern vermitteln, unterschiedliche Zielgruppen erreichen und neue Verbindungen schaffen. In einer zunehmend vielfältigen Engagementlandschaft übernehmen sie damit eine wichtige Funktion, die über die reine Vermittlung von Ehrenamtlichen hinausgeht.
Der Vortrag bot viele Anknüpfungspunkte für die anschließenden Gespräche. Besonders die Frage, inwieweit gewachsene Vereinsstrukturen noch zu den Erwartungen und Lebensbedingungen neuer Engagierter passen, zog sich durch verschiedene Teile des Tages. Die wissenschaftliche Perspektive war deshalb eine gute Grundlage für die praktische Arbeit in den Workshops.
Drei Workshops und ein Praxisbeispiel aus der Region
Dass Nachwuchsgewinnung sehr unterschiedliche Zielgruppen und Herausforderungen betrifft, zeigte bereits die Auswahl der Workshops. Alle drei Angebote wurden sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag durchgeführt, sodass die Teilnehmenden zwei unterschiedliche Themen besuchen konnten.
Prof. Doris Rosenkranz von der Technischen Hochschule Nürnberg beschäftigte sich mit dem „Ehrenamt im Ruhestand“. Menschen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, bringen häufig umfangreiche Erfahrungen mit und können neue Möglichkeiten für freiwilliges Engagement entdecken. Allerdings haben auch sie unterschiedliche Interessen, zeitliche Vorstellungen und Erwartungen. Ein wichtiger Ansatz ihres Workshops war deshalb, Engagementmöglichkeiten möglichst konkret zu beschreiben. Wer transparent macht, welche Aufgabe ansteht, wie viel Zeit benötigt wird und welche Erwartungen damit verbunden sind, erleichtert interessierten Menschen die Entscheidung.
Kerstin Stocker vom WinWin Freiwilligenzentrum Nürnberger Land widmete sich unter dem Titel „Teamvorstand im Verein – einsame Spitze oder gemeinsam zum Ziel?“ einer anderen verbreiteten Herausforderung: der Besetzung von Leitungsfunktionen. Klassische Vorstandsämter sind häufig mit umfangreichen Aufgaben und erheblicher Verantwortung verbunden. Ein Teamvorstand kann eine Alternative sein, wenn Zuständigkeiten auf mehrere Personen verteilt werden. Entscheidend sind dabei klar definierte Aufgabenpakete und nachvollziehbare Verantwortlichkeiten. Die Leitungsarbeit wird dadurch nicht automatisch weniger, lässt sich aber anders organisieren und möglicherweise für zusätzliche Engagierte attraktiv gestalten.
Mein eigener Workshop konzentrierte sich auf die Gewinnung und Beteiligung junger Menschen. Die drei Themen ergänzten sich gut: Während beim Ehrenamt im Ruhestand die besonderen Möglichkeiten einer späteren Lebensphase im Vordergrund standen, ging es beim Teamvorstand um Veränderungen der Vereinsführung und bei mir um die Voraussetzungen für junges Engagement. Gemeinsam war allen drei Angeboten die Erkenntnis, dass es keine einheitliche Lösung gibt, die für jede Organisation und jede Zielgruppe gleichermaßen funktioniert.
Neben den Workshops gehörten auch konkrete Praxisbeispiele aus der Region zum Programm. So stellte der Kreisjugendring Mühldorf am Inn sein Projekt „Juniorbetreuer“ vor. Die stellvertretende Vorsitzende Veronika Mück und junge Engagierte waren an der Vorstellung beteiligt. Solche Beispiele ergänzten die theoretischen und fachlichen Beiträge um Erfahrungen aus der tatsächlichen Arbeit vor Ort. Sie machten deutlich, dass die Nachwuchsfrage nicht nur in Studien und Vereinsgremien diskutiert wird, sondern auch Gegenstand konkreter Projekte ist.
Junges Engagement gewinnen – und die eigene Organisation hinterfragen
In meiner Praxiswerkstatt stand eine Frage im Mittelpunkt, die mich seit vielen Jahren in der Vereinsarbeit beschäftigt: Wie können Organisationen junge Menschen für freiwilliges Engagement gewinnen, ohne sie lediglich als Nachwuchs für offene Aufgaben und Ämter zu betrachten?
Die Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys liefern auch dazu einen interessanten Ausgangspunkt. Rund 40 Prozent der 14- bis 29-Jährigen engagieren sich bereits freiwillig. Besonders bemerkenswert ist, dass von den aktuell nicht engagierten Menschen dieser Altersgruppe 66 Prozent grundsätzlich offen für ein Engagement innerhalb der kommenden zwölf Monate sind. Das bedeutet nicht, dass all diese Menschen unmittelbar eine Aufgabe übernehmen möchten. Es zeigt aber, dass ein erhebliches Potenzial vorhanden ist.
Die häufig zu hörende Behauptung, junge Menschen wollten sich heute grundsätzlich nicht mehr engagieren, greift deshalb zu kurz. Interessanter ist die Frage, warum vorhandene Bereitschaft nicht immer zu einer tatsächlichen Mitarbeit in den bestehenden Organisationen führt.
Dabei spielt auch eine Rolle, wen wir überhaupt als Nachwuchs betrachten. Ein 16-jähriger Schüler befindet sich in einer anderen Lebenssituation als eine Studentin, ein Berufseinsteiger oder ein junger Familienvater. Während der Begriff in wissenschaftlichen Untersuchungen klar definierte Altersgruppen beschreibt, ist er in der Vereinswirklichkeit oft erstaunlich relativ. Mit meinen inzwischen 47 Jahren gehöre ich in manchen Gremien noch immer zu den Jüngeren und senke gelegentlich sogar den Altersdurchschnitt.
Umso wichtiger ist es, die Möglichkeiten und Erwartungen potenzieller Engagierter zu berücksichtigen. Wer eine Ausbildung beginnt, für ein Studium umzieht oder beruflich stark eingebunden ist, kann möglicherweise nicht dauerhaft dieselben Aufgaben übernehmen wie zuvor. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig mangelnde Zuverlässigkeit oder fehlende Bereitschaft.
Aus diesen Überlegungen entstand die zentrale Leitfrage meines Workshops:
„Die Frage ist nicht nur: Wie finden wir junge Menschen? Die Frage ist: Was finden junge Menschen, wenn sie uns finden?“
Viele Vereine investieren viel Zeit in Öffentlichkeitsarbeit, Internetseiten und soziale Medien. Das ist wichtig, weil Interessierte überhaupt erst auf eine Organisation aufmerksam werden müssen. Doch gute Nachwuchsarbeit endet nicht bei der Ansprache. Ebenso entscheidend ist, wie verständlich die Möglichkeiten zur Mitarbeit sind, wie neue Menschen aufgenommen werden und ob sie Gelegenheit bekommen, ihre eigenen Vorstellungen einzubringen.
Es geht also nicht ausschließlich darum, Vereinsangebote möglichst attraktiv zu bewerben. Auch die internen Strukturen, Beteiligungsmöglichkeiten und der Umgang miteinander beeinflussen, ob Menschen sich willkommen fühlen und längerfristig engagieren möchten. Gerade bei jungen Menschen spielen zudem Vertrauen, verlässliche Rahmenbedingungen und die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln, eine wichtige Rolle.
Im Workshop haben wir diese Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und mit den Erfahrungen der Teilnehmenden verbunden. Dabei ging es nicht um eine fertige Anleitung zur Nachwuchsgewinnung. Vielmehr sollten die Teilnehmenden ihre eigene Organisation genauer betrachten, bestehende Herausforderungen erkennen und mögliche Veränderungen für ihre Praxis entwickeln.
Austausch als wichtiger Bestandteil des Forums
Die unterschiedlichen Erfahrungen der Teilnehmenden waren ein wesentlicher Bestandteil der Veranstaltung. Menschen aus verschiedenen Bereichen des Ehrenamts standen teilweise vor ähnlichen Problemen, arbeiteten aber unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein Sportverein mit festen Trainingszeiten und regelmäßigen Angeboten funktioniert anders als eine Naturschutzgruppe, die vor allem Projekte und einzelne Veranstaltungen organisiert. Hilfsorganisationen wiederum müssen bei Ausbildung, Sicherheit und Einsatzbereitschaft zusätzliche Anforderungen berücksichtigen.
Gerade deshalb ist der Austausch zwischen unterschiedlichen Engagementbereichen so wertvoll. Was sich in der eigenen Organisation über Jahre als selbstverständlich entwickelt hat, wird von Außenstehenden möglicherweise ganz anders wahrgenommen. Erfahrungen aus anderen Vereinen oder Initiativen können helfen, die eigene Arbeit neu zu betrachten. Nicht jede Idee ist unmittelbar übertragbar, aber gelegentlich reicht bereits eine andere Perspektive, um bislang unbemerkte Möglichkeiten zu erkennen.
In meinen beiden Workshop-Runden wurde ebenfalls mit konkreten Herausforderungen aus der Praxis gearbeitet. Statt allgemein darüber zu diskutieren, dass es schwierig sei, Nachwuchs zu finden, sollten die Teilnehmenden genauer hinschauen, an welcher Stelle in ihrer Organisation Schwierigkeiten entstehen. Anschließend konnten sie Erfahrungen austauschen und überlegen, welche realistischen nächsten Schritte sich daraus ergeben könnten. Mir war dabei besonders wichtig, dass nicht jede Organisation mit demselben Maßnahmenkatalog nach Hause geht, sondern mit Anregungen, die zur eigenen Situation passen.
Auch über die Workshops hinaus bot der Tag Gelegenheit für Gespräche und Kontakte. Das Forum war insgesamt sehr gut organisiert, die Betreuung der Referierenden ausgesprochen angenehm und die Zusammenarbeit mit dem Organisationsteam unkompliziert. Ich habe mich nicht nur als Referent gut aufgehoben gefühlt, sondern fand die Veranstaltung auch aus der Perspektive eines Teilnehmers interessant. Die Kombination aus wissenschaftlichem Impuls, regionalen Praxisbeispielen, Workshops und persönlichem Austausch war aus meiner Sicht ausgesprochen gelungen.
Die Leitfrage „Ohne Nachwuchs keine Zukunft?“ lässt sich am Ende nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Natürlich brauchen Vereine, Initiativen und Verbände Menschen, die sich engagieren und Aufgaben übernehmen. Ohne freiwilliges Engagement wären viele gesellschaftliche Angebote in ihrer heutigen Form kaum denkbar. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Verantwortung für die Zukunft des Ehrenamts ausschließlich bei den jüngeren Generationen zu suchen.
Der Freiwilligensurvey zeigt, dass Bereitschaft zum Engagement weiterhin vorhanden ist. Das Forum Ehrenamt hat verdeutlicht, dass es ebenso darauf ankommt, wie Organisationen aufgestellt sind, welche Formen der Mitarbeit sie anbieten und wie sie mit gesellschaftlichen Veränderungen umgehen. Nicht jeder möchte ein Vorstandsamt übernehmen, und nicht jedes Engagement muss auf Dauer angelegt sein. Auch die zeitlich begrenzte Mitarbeit an einem Projekt oder die gelegentliche Unterstützung einer Initiative sind wertvolle Beiträge.
Vielleicht liegt eine wichtige Aufgabe deshalb darin, Bewährtes zu erhalten, ohne neue Formen des Engagements von vornherein auszuschließen. Wer Menschen für das Ehrenamt gewinnen möchte, sollte nicht nur nach zusätzlichen helfenden Händen suchen, sondern ihnen auch Raum für eigene Ideen, Beteiligung und Entwicklung geben.
Das Forum in Mühldorf hat dazu unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und gezeigt, wie wertvoll der Austausch zwischen Wissenschaft, Engagementförderung und Vereinspraxis sein kann. Und für mich bleibt insbesondere die Frage, mit der ich auch meinen Workshop gestaltet habe: Was finden junge Menschen, wenn sie uns finden?
Impressionen vom Forum Ehrenamt 2026
Impressionen vom Forum Ehrenamt 2026 in Mühldorf am Inn, 24. Oktober 2026.
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