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Veröffentlicht am 13. September 2026
Zuletzt aktualisiert am 13. September 2026
Für wen & wofür geeignet: Für alle, die Berlin zum ersten Mal besuchen, nur wenig Zeit haben oder Anregungen für eine abwechslungsreiche Tour durch die Hauptstadt suchen. Der Reisebericht ist kein vollständiger Stadtführer, zeigt aber, wie sich bekannte Sehenswürdigkeiten, historische Erinnerungsorte, Berliner Alltag und eine günstige Stadtrundfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem vielseitigen Kurztrip verbinden lassen.
© Michael K. Kärchner
Berlin gehörte für mich lange zu diesen Städten, von denen man unzählige Bilder kennt, ohne selbst jemals dort gewesen zu sein. Brandenburger Tor, Reichstag, Fernsehturm, Berliner Mauer: All das ist ständig in Nachrichtensendungen, Dokumentationen oder Geschichtsbüchern zu sehen. Trotzdem hat es bis zu meinem 47. Lebensjahr gedauert, ehe ich zum ersten Mal tatsächlich am Berliner Hauptbahnhof ausgestiegen bin.
Den Anlass für die Reise gab ein Termin am Dienstagabend. Wenn ich dafür schon einmal quer durch Deutschland fahre, wollte ich allerdings nicht nur den Weg zwischen Bahnhof, Hotel und Veranstaltung kennenlernen. Also plante ich zwei Übernachtungen ein und machte aus der Fahrt zugleich einen kleinen Berlin-Kurztrip. Viel Zeit blieb trotzdem nicht: Am Montag kam ich erst am Nachmittag an, am Dienstag musste ich mich rechtzeitig für den Abend fertig machen und am Mittwochmittag fuhr der Zug bereits wieder zurück.
Der Plan war deshalb recht einfach: möglichst viel sehen, ohne Berlin nur als Liste von Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Das hat zumindest teilweise funktioniert. Denn was am Montagnachmittag am Hauptbahnhof begann, entwickelte sich bis zum folgenden Nachmittag zu einem erstaunlich umfangreichen Programm. Es führte mich durch das Regierungsviertel, zu einigen der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, an zentrale Erinnerungsorte der nationalsozialistischen Verbrechen und der deutschen Teilung sowie einmal quer durch das frühere Ost- und West-Berlin.
Dabei waren es nicht nur die bekannten Gebäude und Plätze, die mir in Erinnerung geblieben sind. Zu meinem ersten Berlin gehörten ebenso ein zufällig entdecktes Straßenkunstfestival am Potsdamer Platz, eine Currywurst unter der Hochbahn und eine Kartoffelsuppe mit deutlichem Verbesserungspotenzial. Mein Handyakku hielt am ersten Abend übrigens ziemlich genau bis zum Hotelaufzug. Besser kann man eine Punktlandung kaum planen.
Besonders eindrücklich waren jedoch die Orte, an denen die deutsche Geschichte unmittelbar sichtbar wird. Das Holocaust-Mahnmal, die Topographie des Terrors und die Gedenkstätte Berliner Mauer erzählen nicht nur von unterschiedlichen Kapiteln der Vergangenheit. Auch ihre eigene Entstehung ist Teil der Geschichte. Um Standorte, Gestaltung und sogar um die Frage, was an diesen Orten erhalten bleiben sollte, wurde teilweise über viele Jahre politisch und gesellschaftlich gerungen. Dass diese Erinnerungsorte heute so selbstverständlich zum Berliner Stadtbild gehören, war keineswegs selbstverständlich.
Dieser Bericht ist deshalb weder ein vollständiger Stadtführer noch der Versuch, Berlin nach einem einzigen Besuch erklären zu wollen. Er erzählt einfach davon, was sich in knapp zwei Tagen erleben lässt, wenn man zum ersten Mal in der Hauptstadt unterwegs ist, neugierig losläuft und akzeptiert, dass unterwegs nicht immer alles ganz nach Plan verläuft.
Mit Verspätung nach Berlin – und erst einmal nach Wedding
Ganz pünktlich begann meine erste Reise nach Berlin nicht. Der FlixTrain sollte am Montagmorgen um 9:40 Uhr in Darmstadt abfahren, brachte aber bereits zum Start rund 20 Minuten Verspätung mit. Für eine Verbindung, die mich ohne Umstieg bis in die Hauptstadt bringen sollte, war das noch zu verschmerzen – zumal ich für den Nachmittag keinen festen Termin gebucht hatte. Der ursprüngliche Plan verschob sich dadurch lediglich ein wenig nach hinten.
Meine Unterkunft für die beiden Nächte war das Arena Inn in Wedding. Das Hotel lag nur wenige Schritte vom Bahnhof Wedding entfernt und erwies sich damit als ziemlich guter Ausgangspunkt. Von hier aus waren sowohl der Hauptbahnhof als auch andere Teile der Stadt schnell erreichbar. Wie praktisch diese Lage tatsächlich war, sollte sich spätestens am ersten Abend zeigen, als mich die U-Bahn nahezu bis vor die Hoteltür zurückbrachte.
Ganz klar war zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie umfangreich der Nachmittag werden sollte. Wegen der verspäteten Ankunft hatte ich kurz überlegt, das größere Besichtigungsprogramm auf den nächsten Tag zu verschieben. Doch dann kam die Sonne heraus. Damit war die Entscheidung gefallen: Das klassische Berlin-Programm sollte noch an diesem Nachmittag beginnen. Aus der geplanten überschaubaren Runde wurde in den folgenden Stunden eine Tour, die erst rund zehn Kilometer später wieder enden sollte.
Plötzlich mittendrin im politischen Berlin
Mein eigentlicher Rundgang begann auf dem Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof. Von dort aus führte mich der erste Weg über die Spree in das Regierungsviertel. Noch wenige Stunden zuvor hatte ich im Zug gesessen, nun stand ich zwischen einigen der Gebäude, die in politischen Nachrichtensendungen beinahe täglich im Hintergrund zu sehen sind.
Als Erstes kam das Bundeskanzleramt in Sicht. Durch seine Größe und die moderne, fast monumentale Architektur wirkt es aus der Nähe noch einmal anders als auf Bildern. Im Berliner Volksmund wird das Gebäude wegen seiner markanten Form gelegentlich etwas respektlos als „Bundeswaschmaschine“ bezeichnet. Direkt daneben verläuft die Spree, umgeben von großzügigen Freiflächen, Wegen und den weiteren Gebäuden des Regierungsviertels.
Was mich dabei überraschte: Zumindest in diesem Teil Berlins liegen die großen politischen Schauplätze viel näher beieinander, als es ihre einzelnen Auftritte in den Nachrichten vermuten lassen. Vom Hauptbahnhof sind es nur wenige Minuten bis zum Kanzleramt. Von dort gelangt man ebenso schnell zum Reichstagsgebäude und auf den weitläufigen Platz der Republik. Das gesamte Regierungsviertel lässt sich bequem zu Fuß erkunden.
Das Reichstagsgebäude ist dabei nicht nur Kulisse für den aktuellen Politikbetrieb, sondern selbst ein Stück wechselvoller deutscher Geschichte. Es wurde zwischen 1884 und 1894 nach Plänen des Frankfurter Architekten Paul Wallot errichtet. Kaiser Wilhelm II. stand dem selbstbewussten Parlamentsbau ausgesprochen kritisch gegenüber. Selbst die heute so selbstverständlich wirkende Inschrift „Dem Deutschen Volke“ durfte erst 1916 angebracht werden. Nach Reichstagsbrand, NS-Zeit, Kriegsschäden und deutscher Teilung wurde das Gebäude nach der Wiedervereinigung umfassend umgebaut. Seit April 1999 ist es Sitz des Deutschen Bundestages. Mehr zur Geschichte des Gebäudes bietet der Deutsche Bundestag.
Bundestag oder Reichstag?
Die beiden Begriffe werden im Alltag häufig gleichbedeutend verwendet, bezeichnen aber nicht dasselbe. Der Deutsche Bundestag ist das von den Bürgerinnen und Bürgern gewählte Parlament der Bundesrepublik Deutschland. Der Reichstag beziehungsweise das Reichstagsgebäude ist das historische Gebäude, in dem der Bundestag seit 1999 seine Plenarsitzungen abhält.
Der Name des Gebäudes erinnert an den Reichstag des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik, für den es ursprünglich errichtet wurde. Das heutige Parlament heißt dagegen seit der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 Deutscher Bundestag. Genau genommen tagt der Bundestag also im Reichstagsgebäude.
Vom Platz der Republik ging es weiter in Richtung Brandenburger Tor. Auch hier war die Entfernung wesentlich kürzer, als ich sie mir vorgestellt hatte. Kurz nach 17 Uhr stand ich schließlich auf dem Pariser Platz vor dem wahrscheinlich bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Natürlich ist das Brandenburger Tor ein klassisches Fotomotiv, umgeben von Besuchergruppen und Menschen mit Handys in der Hand. Trotzdem verliert es dadurch nicht seine Wirkung. Zu viele historische Bilder sind mit diesem Ort verbunden – von der geteilten Stadt bis zur Öffnung der Berliner Mauer.
Ein Stelenfeld mitten in der Hauptstadt
Vom Brandenburger Tor sind es nur wenige Schritte bis zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es befindet sich nicht am Rand der Stadt oder in einem abgeschlossenen Museumsbereich, sondern mitten im politischen Zentrum Berlins – zwischen Brandenburger Tor, Regierungsviertel, Tiergarten und Potsdamer Platz.
Vom Rand aus wirkt die Anlage zunächst beinahe überschaubar. Die Stelen folgen einem gleichmäßigen Raster, viele erscheinen zunächst nur knie- oder hüfthoch. Sobald man einen der schmalen Wege betritt, verändert sich dieser Eindruck jedoch. Der Boden senkt sich unregelmäßig ab, während die Betonblöcke auf beiden Seiten immer höher werden. Einige Stelen erreichen eine Höhe von mehr als vier Metern. Nach wenigen Schritten verschwinden Straßen, Gebäude und große Teile der Umgebung aus dem Blickfeld.
Damit verändert sich auch die Wahrnehmung des Ortes. Von außen sieht man Menschen zwischen den Stelen auftauchen und wieder verschwinden. Im Inneren ist man dagegen oft nur noch von den grauen Betonflächen und den schmalen Wegen umgeben. Es gibt keine vorgegebene Strecke durch das Feld und auf den Stelen selbst weder Namen noch erklärende Inschriften. Die Anlage liefert keine einfache Deutung mit. Jeder bewegt sich selbst hindurch und erlebt die räumliche Wirkung auf eine etwas andere Weise.
Unter dem Stelenfeld befindet sich ergänzend der „Ort der Information“. Die Ausstellung dokumentiert die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden und stellt den abstrakten Betonstelen konkrete Namen, Familiengeschichten und Biografien gegenüber. Bei meinem kurzen Besuch blieb es beim Rundgang durch das frei zugängliche Stelenfeld. Schon dieser zeigte aber, wie stark sich ein Ort innerhalb weniger Schritte verändern kann.
Wie das Holocaust-Mahnmal entstand
Heute gehört das Stelenfeld selbstverständlich zum Berliner Stadtbild. Seine Entstehung war jedoch das Ergebnis einer rund zehnjährigen öffentlichen und politischen Auseinandersetzung. Den Anstoß gab Ende der 1980er-Jahre eine Bürgerinitiative um die Journalistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel. Ihre Forderung war ein weithin sichtbares Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Nach dem Fall der Berliner Mauer schlug der daraus entstandene Förderkreis ein Gelände in den ehemaligen Ministergärten unweit des Brandenburger Tores vor.
Über das Vorhaben wurde anschließend intensiv gestritten. Dabei ging es nicht nur um Architektur und Standort, sondern um grundsätzliche Fragen der deutschen Erinnerungskultur: Sollte ein zentrales Denkmal ausdrücklich den ermordeten Jüdinnen und Juden Europas gewidmet sein oder gemeinsam an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnern? Kann ein abstraktes Kunstwerk die Dimension des Holocaust angemessen vermitteln? Und benötigt ein solches Denkmal zusätzlich einen Ort, an dem die historischen Zusammenhänge und die Geschichten der Opfer erklärt werden?
Ein erster Wettbewerb führte 1995 zu keinem umgesetzten Entwurf. Auch nach einem weiteren Auswahlverfahren und Überarbeitungen blieb das Projekt umstritten. Schließlich befasste sich der Deutsche Bundestag mit mehreren konkurrierenden Vorschlägen. Nach einer mehr als vierstündigen Debatte entschied er am 25. Juni 1999 in namentlicher Abstimmung für das Stelenfeld des amerikanischen Architekten Peter Eisenman. 314 Abgeordnete stimmten dafür, 209 dagegen, 14 enthielten sich.
Wesentlicher Bestandteil des Beschlusses war die Ergänzung des abstrakten Denkmals durch einen unterirdischen „Ort der Information“. Damit wurden zwei unterschiedliche Formen des Erinnerns miteinander verbunden: das persönliche räumliche Erleben im Stelenfeld und die konkrete historische Dokumentation der Verfolgung und Ermordung. Das aus rund 2.700 Betonstelen bestehende Denkmal wurde am 10. Mai 2005 eröffnet. Es ist der zentrale Gedenkort Deutschlands für die bis zu sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust. Ausführliche Informationen zur Entstehung bieten der Deutsche Bundestag und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Nur ein kurzes Stück weiter liegt das Gelände, unter dem sich die Reste des früheren sogenannten Führerbunkers befinden. Wer nicht gezielt danach sucht, würde vermutlich daran vorbeilaufen. Oberirdisch erinnern heute vor allem eine Grünfläche, ein Parkplatz und eine sachliche Informationstafel an den Ort. Der Bunker wurde nach dem Krieg mehrfach gesprengt, später teilweise abgetragen und schließlich verfüllt.
Dass hier kein monumentaler Erinnerungsort entstand, erscheint folgerichtig. Der Ort sollte weder aufgewertet noch zu einer Pilgerstätte für Hitler-Verehrer werden. Gleichzeitig zeigte sich, dass vollständiges Verschweigen ebenfalls Legenden und Mythen fördern kann. Deshalb wurde 2006 eine Informationstafel aufgestellt. Sie erklärt die tatsächliche Lage, Größe und Geschichte der Bunkeranlage und soll ausdrücklich einer nostalgischen Verklärung entgegenwirken. Der Verein Berliner Unterwelten hatte die Tafel nach jahrelangen Recherchen gemeinsam mit der Berliner Senatsverwaltung erarbeitet.
Der Gegensatz zwischen beiden Orten könnte kaum deutlicher sein: Auf der einen Seite steht das große zentrale Denkmal für die ermordeten europäischen Jüdinnen und Juden. Nur wenige Hundert Meter entfernt bleibt vom letzten Aufenthaltsort des nationalsozialistischen Diktators oberirdisch fast nichts sichtbar. Erinnerung bedeutet hier gerade nicht, beide Seiten mit gleich großen Bauwerken zu markieren. Den Opfern ist ein zentraler Gedenkort gewidmet; der Ort des Täters wird historisch erklärt, aber nicht inszeniert.
Straßenkunst, Mauerreste und die Topographie des Terrors
Vom Gelände des ehemaligen Führerbunkers führte mein Weg weiter zum Potsdamer Platz. Gegen 18 Uhr kam ich dort an – und landete eher zufällig mitten in einem kleinen Straßenkunstfestival. Dieser ungeplante Zwischenstopp passte gut zu meinem ersten Eindruck von Berlin. Nur wenige Minuten zuvor war ich noch am Holocaust-Mahnmal gewesen, nun herrschte um mich herum plötzlich eine leichte und lebendige Atmosphäre. Berlin lässt zwischen seinen unterschiedlichen historischen Schichten kaum Abstand. Oft genügt es, eine Straße weiterzugehen, und die Stimmung verändert sich vollständig.
Lange blieb ich auf dem Potsdamer Platz allerdings nicht, es ging weiter in Richtung Niederkirchnerstraße. Dort fiel zunächst das lange erhaltene Teilstück der Berliner Mauer ins Auge. Es erinnert daran, dass genau hier später die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief. Unmittelbar dahinter liegt jedoch ein Ort, dessen Geschichte noch weiter zurückreicht: die Topographie des Terrors. Zwischen 1933 und 1945 befanden sich auf diesem Gelände einige der wichtigsten Zentralen des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Terrorapparates. In der damaligen Prinz-Albrecht-Straße 8 hatte die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, ihren Sitz. In direkter Nachbarschaft befanden sich die Führung der SS, der Sicherheitsdienst und später das Reichssicherheitshauptamt. Von hier aus wurden Verfolgung, Terror und Massenverbrechen nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas vorbereitet, organisiert und gesteuert.
Heute stehen die damaligen Gebäude nicht mehr. Das moderne Dokumentationszentrum erhebt sich bewusst nicht als monumentaler Bau über den Ort. Große Glasflächen ermöglichen immer wieder den Blick nach draußen auf das Gelände. Dort markieren freigelegte Fundament- und Kellerreste die Standorte der früheren Gebäude. Entlang der Niederkirchnerstraße verläuft zusätzlich eine Ausstellung im Freien – direkt unterhalb des erhaltenen Mauerstücks.
Auf wenigen Metern treffen hier gleich zwei Kapitel deutscher Diktaturgeschichte aufeinander: im Boden die Spuren der nationalsozialistischen Machtzentralen, darüber ein Teil der Mauer, die Berlin Jahrzehnte später teilte. Beide Ebenen sind sichtbar, ohne miteinander gleichgesetzt zu werden. Im Mittelpunkt der Dauerausstellung stehen Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt, ihre Strukturen und die von ihnen begangenen Verbrechen. Anders als viele andere Erinnerungsorte beschäftigt sich die Topographie des Terrors damit vor allem mit den Tätern. Sie zeigt, wer Entscheidungen traf, welche Behörden und Dienststellen beteiligt waren und wie aus Verwaltung, Befehlen und Zuständigkeiten ein europaweites System der Verfolgung und Vernichtung entstand.
Gerade dieser Blick auf die Organisation hinter den Verbrechen macht die Ausstellung beklemmend. Die Täter erscheinen nicht als gesichtslose, weit entfernte Macht. Fotografien, Dokumente und Biografien zeigen konkrete Menschen, berufliche Laufbahnen und Institutionen. Die Verbrechen wurden nicht irgendwo im Verborgenen von einer kleinen Gruppe geplant. Sie entstanden in Behörden, Besprechungen und geregelten Verwaltungsabläufen – an einem Ort mitten in Berlin.
Für einen vollständigen Rundgang hätte man problemlos mehrere Stunden einplanen können. In meinem ohnehin straffen Nachmittagsprogramm blieb dafür weniger Zeit. Dennoch gehörte die Topographie des Terrors für mich zu den wichtigsten Stationen des gesamten Besuchs. Nicht nur wegen der Ausstellung, sondern auch deshalb, weil sich an diesem Gelände zeigt, wie leicht ein historisch bedeutender Ort nach 1945 beinahe aus dem Stadtbild und dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden wäre.
Weitere Informationen zur Ausstellung und zum historischen Gelände bietet die Stiftung Topographie des Terrors. Der Besuch des Dokumentationszentrums und des Außengeländes ist kostenlos.
Ein historischer Ort, der beinahe verschwunden wäre
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die früheren Gebäude von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt schwer beschädigt. Ihre Ruinen wurden in den 1950er-Jahren weitgehend abgetragen. Anschließend wurde das Gelände unter anderem als Schuttablage und sogar als Fahrübungsplatz genutzt. Weil später die Berliner Mauer unmittelbar an der Niederkirchnerstraße verlief, geriet der Ort zusätzlich in eine innerstädtische Randlage.
Erste Forderungen nach einem Erinnerungs- und Dokumentationsort wurden Ende der 1970er-Jahre lauter. Den entscheidenden Anstoß gab schließlich die 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987. Unter dem Titel „Topographie des Terrors“ entstand eine zunächst provisorische Ausstellung. Gleichzeitig wurden erhaltene Keller- und Fundamentreste freigelegt. Das Interesse war so groß, dass aus dem zeitlich begrenzten Projekt eine dauerhafte Einrichtung wurde.
1992 wurde die Stiftung Topographie des Terrors gegründet. Doch bis zur Eröffnung eines festen Dokumentationszentrums sollten noch einmal 18 Jahre vergehen. Einen Architekturwettbewerb gewann 1993 der Schweizer Architekt Peter Zumthor. Sein anspruchsvoller Entwurf wurde begonnen, geriet jedoch wegen bautechnischer Schwierigkeiten und nicht mehr kalkulierbarer Kosten zunehmend in Probleme. Bund und Land Berlin stoppten das Projekt 2004. Bereits errichtete Teile des Gebäudes wurden anschließend wieder abgerissen.
Nach einem neuen Wettbewerb entstand schließlich der heutige, deutlich zurückhaltendere Bau nach einem Entwurf der Architektin Ursula Wilms und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann. Das Dokumentationszentrum wurde im Mai 2010 eröffnet. Zwischen den ersten Forderungen nach einem Gedenkort und dem heutigen Gebäude lagen damit mehr als drei Jahrzehnte. Dass die früheren Zentralen des nationalsozialistischen Terrors heute wieder als historischer Ort erkennbar sind, war keineswegs selbstverständlich. Die ausführliche Nachkriegsgeschichte dokumentiert die Stiftung auf ihrer Seite Geschichte nach 1945.
Checkpoint Charlie – und mit der U6 an die Spree
Von der Topographie des Terrors ging es weiter zum Checkpoint Charlie. Gegen 19:30 Uhr stand ich damit an einem weiteren Ort, dessen Namen man schon unzählige Male gehört und dessen Bilder man ebenso oft gesehen hat. Vor Ort war mein erster Gedanke allerdings: Das ist erstaunlich klein. Mitten auf der Friedrichstraße stehen das Kontrollhäuschen, der Schlagbaum, Sandsäcke und die bekannten Hinweisschilder. Rundherum gibt es Souvenirläden, Museen, Fotomotive und ziemlich viel touristischen Betrieb. Dadurch wirkt der Checkpoint Charlie heute beinahe wie eine historische Kulisse. Die große Bedeutung des Ortes erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick.
Während der deutschen Teilung befand sich hier einer der bekanntesten Grenzübergänge zwischen Ost- und West-Berlin. Er war vor allem Angehörigen der Alliierten, Diplomaten und ausländischen Besuchern vorbehalten. Weltweit bekannt wurde der Kontrollpunkt im Oktober 1961, als sich hier amerikanische und sowjetische Panzer gegenüberstanden. Für einige Stunden wurde die Friedrichstraße damit zu einem der gefährlichsten Schauplätze des Kalten Krieges. Das offizielle Hauptstadtportal Berlin.de fasst die Geschichte des Grenzübergangs und der Panzerkonfrontation ausführlicher zusammen.
Es ist deshalb ein merkwürdiger Gegensatz: Auf der einen Seite steht die historische Bedeutung eines Ortes, an dem die Spannungen zwischen den damaligen Machtblöcken ganz konkret sichtbar wurden. Auf der anderen Seite begegnet man heute einer stark touristisch inszenierten Sehenswürdigkeit. Beides gehört mittlerweile zum Checkpoint Charlie – die Geschichte und das Geschäft mit ihrem bekanntesten Bild.
Was am Checkpoint Charlie heute noch original ist
Der Ort selbst ist historisch: An der Kreuzung von Friedrichstraße und Zimmerstraße befand sich tatsächlich der alliierte Kontrollpunkt. Von seiner damaligen Ausstattung ist dort heute jedoch kaum noch etwas erhalten. Das kleine Kontrollhäuschen auf der Friedrichstraße ist ein Nachbau des ersten Wachhäuschens von 1961. Auch Schlagbaum, Sandsäcke und Fahnen orientieren sich am historischen Erscheinungsbild, sind aber keine Originale aus der Zeit der Berliner Teilung. Das zuletzt verwendete und wesentlich größere Kontrollhäuschen wurde 1990 abgebaut und befindet sich heute im AlliiertenMuseum in Berlin-Zehlendorf.
Der Name „Charlie“ bezeichnet übrigens keine Person. Er stammt aus dem NATO-Buchstabieralphabet. Nach den alliierten Kontrollpunkten Alpha und Bravo war dieser Übergang der dritte – also „C“ wie Charlie. Weitere Informationen zur Geschichte und zur heutigen Rekonstruktion bietet die offizielle Berliner Tourismusseite visitBerlin.
Nach dem Besuch hätte ich mit der U6 von der nahe gelegenen Station Kochstraße ohne Umstieg bis nach Wedding zurückfahren können. Dafür war mir der Abend allerdings noch zu früh. Statt bereits zum Hotel zu fahren, nahm ich die U6 in Richtung Kurt-Schumacher-Platz zunächst nur für drei Stationen bis Friedrichstraße. Von dort waren es nur wenige Schritte bis zur Spree.
Damit begann der nächste Teil des Abends als ganz normaler Stadtspaziergang. Am Wasser entlang ging es in Richtung Museumsinsel. Dort zeigte Berlin wieder eine völlig andere Seite: Brücken, historische Gebäude und dazwischen immer wieder der Blick auf den Fluss. Besonders das Bode-Museum an der nördlichen Spitze der Museumsinsel ist mit seiner Lage zwischen den beiden Spreearmen kaum zu übersehen. Auch wenn für einen Museumsbesuch an diesem Abend natürlich keine Zeit mehr blieb, war das Gebäude selbst schon einen Abstecher wert.
Weiter ging es durch den Monbijoupark und in die Umgebung der Oranienburger Straße. Inzwischen war ich seit mehreren Stunden unterwegs, hatte aber immer noch keine große Lust, den Abend sofort zu beenden. Irgendwann meldeten sich dann allerdings die Füße – und auch der Hunger. Damit war die nächste Aufgabe klar: irgendwo in der Gegend etwas essen und anschließend möglichst ohne weitere Umwege zurück nach Wedding kommen.
Eine Kartoffelsuppe und eine perfekte U-Bahn-Verbindung
Nach dem langen Spaziergang durch die historische Mitte wurde es langsam Zeit für etwas zu essen. In der Nähe des Oranienburger Tors fiel meine Wahl auf das Restaurant Gambrinus. Nach mehreren Stunden zu Fuß klang eine Kartoffelsuppe zunächst nach einer ziemlich guten Idee: warm, sättigend und unkompliziert. Zumindest in der Theorie. In der Praxis erfüllte die Suppe meine Erwartungen nur eingeschränkt. Schlecht war sie vielleicht nicht unbedingt – aber eben auch nicht das, was ich mir nach diesem langen Tag vorgestellt hatte. Verbuchen wir sie deshalb einfach unter „kulinarische Erfahrung“ und belassen es dabei.
Bei der Rückfahrt zeigte sich dafür noch einmal, wie praktisch die Lage meines Hotels tatsächlich war. Vom Oranienburger Tor fuhr die U6 ohne Umstieg direkt bis zum Bahnhof Wedding. Nach einem Tag, an dem ich einen großen Teil Berlins zu Fuß erkundet hatte, war diese Verbindung genau das Richtige: einsteigen, einige Stationen fahren und beinahe unmittelbar vor dem Hotel wieder aussteigen. Gegen 22 Uhr war ich zurück. Auch mein Handy hatte den Tag offenbar als beendet betrachtet und verabschiedete sich passgenau im Aufzug. Viel besser hätte man den Akku kaum einteilen können.
Damit ging ein erster Berlin-Tag zu Ende, der deutlich umfangreicher geworden war als ursprünglich geplant. Aus einem Rundgang durch das Regierungsviertel waren am Ende das Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal, der Potsdamer Platz, die Topographie des Terrors, der Checkpoint Charlie und ein ausgedehnter Spaziergang durch die historische Mitte geworden. Insgesamt dürften dabei etwa neun bis zehn Kilometer zusammengekommen sein. Für den ersten Nachmittag in einer bis dahin völlig unbekannten Stadt war das eine ziemlich ordentliche Ausbeute. Und während das Handy nun dringend Strom brauchte, konnten auch meine Füße eine Pause gut gebrauchen. Schließlich stand am nächsten Morgen bereits der zweite Teil meines Berliner Kurzprogramms an.
Bernauer Straße: Wo die Teilung unmittelbar sichtbar wird
Der Dienstag begann mit einem Thema, dem ich bewusst mehr Zeit einräumen wollte. Vom Hotel ging es zunächst mit dem Bus und anschließend mit der Straßenbahnlinie M10 zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Nachdem der erste Tag vor allem vom klassischen und politischen Berlin geprägt gewesen war, stand nun die Geschichte der deutschen Teilung im Mittelpunkt.
Erste Station war das Besucherzentrum. Dort bekommt man einen Überblick über das weitläufige Gelände und die verschiedenen Teile der Gedenkstätte. Das ist durchaus hilfreich, denn anders als an vielen anderen historischen Orten steht man hier nicht vor einem einzelnen Denkmal. Die Gedenkstätte erstreckt sich entlang der Bernauer Straße und verbindet originale Überreste, Rekonstruktionen, freigelegte Fundamente, Informationstafeln und persönliche Fluchtgeschichten miteinander.
Erst beim Rundgang über das Außengelände wird deutlich, wie breit die Grenzanlagen tatsächlich waren. Die Berliner Mauer bestand eben nicht nur aus jener Betonwand, die heute meist stellvertretend für die gesamte Grenze gezeigt wird. Dazu gehörten unter anderem die Hinterlandmauer, der beleuchtete Grenzstreifen, der sogenannte Postenweg und weitere Sperranlagen. An der Bernauer Straße lässt sich dieser Aufbau noch ungewöhnlich gut nachvollziehen. Rostige Stahlstäbe markieren an einigen Stellen den früheren Verlauf der Mauer, ohne eine geschlossene Wand zu bilden. Dadurch bleibt die ehemalige Grenze sichtbar, während man gleichzeitig durch sie hindurchsehen kann.
Zwischen diesen Spuren erzählen Tafeln, Fotografien und Hörstationen von den Menschen, die hier lebten und plötzlich durch eine Grenze voneinander getrennt wurden. Es geht um gescheiterte und gelungene Fluchten, um Tunnel unter der Straße, um Todesopfer und um einen Alltag, den man sich heute nur schwer vorstellen kann.
Gerade an der Bernauer Straße nahm die Teilung eine besonders absurde Form an. Die Häuser auf der südlichen Straßenseite gehörten zu Ost-Berlin, der Gehweg unmittelbar vor ihren Haustüren jedoch bereits zu West-Berlin. Nach dem Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 konnten Bewohner deshalb aus ihren Wohnungen direkt in den Westen springen oder sich aus den Fenstern abseilen. Teilweise standen unten West-Berliner Feuerwehrleute mit Sprungtüchern bereit. Die DDR ließ zunächst die Hauseingänge und später auch die Fenster zumauern, räumte die Gebäude und riss sie schließlich weitgehend ab. Freigelegte Fundamente erinnern heute an diese Häuser, deren Fassaden zeitweise selbst zur Grenze geworden waren. Einen guten Überblick über die besondere Situation bietet auch das offizielle Hauptstadtportal Berlin.de.
Auf dem Gelände befindet sich außerdem die Kapelle der Versöhnung. Ihr Name knüpft an die frühere Versöhnungskirche an, die nach dem Mauerbau mitten im Grenzstreifen stand. Für die Gemeinde war sie dadurch nicht mehr zugänglich. 1985 ließ die DDR die Kirche sprengen, weil sie den Grenzanlagen im Weg stand. Die heutige Kapelle wurde im Jahr 2000 auf den Fundamenten der zerstörten Kirche eingeweiht. Sie ist kein originalgetreuer Wiederaufbau, sondern ein eigener, bewusst schlichter Erinnerungsort.
Vom Außengelände ging es schließlich in das Dokumentationszentrum. Die Ausstellung ergänzt das, was draußen sichtbar ist, um die politischen Hintergründe: Warum wurde die Mauer gebaut? Wie wurde aus der zunächst provisorischen Abriegelung ein immer weiter perfektioniertes Grenzsystem? Und welche Folgen hatte die Teilung für die Menschen auf beiden Seiten? Der für mich eindrücklichste Moment folgte auf der kostenlosen Aussichtsplattform des Dokumentationszentrums. Von dort oben blickt man auf einen erhaltenen und teilweise rekonstruierten Abschnitt der vollständigen Grenzanlage. Was sich am Boden nur Stück für Stück erschließt, liegt plötzlich als Ganzes vor einem: Vorder- und Hinterlandmauer, Grenzstreifen, Wachturm und Postenweg.
Erst aus dieser Perspektive wird richtig deutlich, dass zwischen Ost und West nicht einfach nur eine Mauer stand. Es war ein breites, systematisch aufgebautes Sperrgebiet, das Fluchten verhindern sollte. Der Blick von oben vermittelte davon einen stärkeren Eindruck als viele der bekannten historischen Bilder. Man sieht nicht nur einzelne Betonsegmente, sondern versteht zumindest ansatzweise, wie diese Grenze funktioniert hat.
Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße war damit weit mehr als eine weitere Station meines Berliner Programms. Während an vielen Stellen der Stadt nur noch eine Linie im Boden an die frühere Mauer erinnert, wird die Teilung hier räumlich nachvollziehbar. Zugleich bleibt die Geschichte nicht abstrakt: Durch die erhaltenen Spuren und die persönlichen Schicksale wird deutlich, was politische Entscheidungen für das Leben einzelner Menschen bedeuteten.
Warum hier überhaupt noch Mauer steht
Nach dem Fall der Berliner Mauer wollten die meisten Menschen das verhasste Bauwerk verständlicherweise so schnell wie möglich beseitigen. Betonsegmente wurden abgetragen, verkauft oder von den sogenannten Mauerspechten Stück für Stück bearbeitet. Dadurch bestand die Gefahr, dass auch historisch besonders bedeutsame Abschnitte vollständig verschwinden würden.
Bereits im Frühjahr 1990 setzte sich eine Arbeitsgruppe für den Erhalt von Teilen der Grenzanlagen an der Bernauer Straße ein. Zu ihr gehörten Museumsmitarbeiter und Pfarrer Manfred Fischer von der Versöhnungsgemeinde. Fischer sprach mit Mauerspechten, stellte Hinweistafeln auf und verhinderte gemeinsam mit weiteren Engagierten mehrfach den Abriss verbliebener Mauerteile. Am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung, stellte der Ost-Berliner Magistrat den Grenzabschnitt am Sophien-Friedhof unter Denkmalschutz.
Einfach war der Weg zur heutigen Gedenkstätte trotzdem nicht. Für Teile des Geländes existierten zwischenzeitlich andere Planungen, darunter der Ausbau der Bernauer Straße zu einer sechsspurigen Verkehrsachse. Auch dagegen formierte sich Widerstand. 1994 wurde schließlich ein Gestaltungswettbewerb für ein Denkmal ausgeschrieben, das am 13. August 1998 eingeweiht wurde.
Daraus entwickelte sich schrittweise die heutige Erinnerungslandschaft mit Dokumentationszentrum, Kapelle der Versöhnung, Besucherzentrum und Außenausstellung. Seit einem 2006 beschlossenen Gesamtkonzept gilt die Bernauer Straße als zentraler Erinnerungsort an die Berliner Mauer und die Teilung der Stadt. Die Stiftung Berliner Mauer schildert ausführlich, wie stark die Entstehung der Gedenkstätte vom beharrlichen Engagement einzelner Menschen abhing.
Von der Mauer zur Currywurst
Nach dem ausführlichen Besuch der Gedenkstätte Berliner Mauer war es Zeit für einen deutlichen Themenwechsel. Mit der M10 fuhr ich von der Bernauer Straße bis zur Eberswalder Straße. Das nächste Ziel hatte zwar ebenfalls eine lange Berliner Geschichte, war inhaltlich aber wesentlich leichter verdaulich: Konnopke’s Imbiss.
Der bekannte Imbiss liegt direkt unter dem Viadukt der U2 an der Schönhauser Allee. Die Hochbahn fährt über den Köpfen hinweg, daneben rauscht der Straßenverkehr und mittendrin werden seit Jahrzehnten Würste verkauft. Viel Platz braucht es dafür nicht. Ein Verkaufstresen, einige Stehtische und die Schlange vor dem Imbiss reichen aus, um zu erkennen, dass Konnopke’s längst selbst eine Berliner Sehenswürdigkeit ist.
Bei einem ersten Besuch in der Hauptstadt durfte eine Currywurst mit Pommes natürlich nicht fehlen. Man kann über touristische Pflichtprogramme denken, was man möchte – manchmal sind sie einfach vollkommen in Ordnung. Und im direkten kulinarischen Vergleich mit der Kartoffelsuppe am Vorabend ging dieser Programmpunkt ziemlich eindeutig an den zweiten Tag.
Konnopke unter der Hochbahn
Die Geschichte von Konnopke’s begann 1930. Max Konnopke und seine Frau Charlotte verkauften damals an der Schönhauser Allee zunächst Würste aus einem mobilen Behälter – mit nicht viel mehr als einem Klapptisch und einem Sonnenschirm. Nach dem Krieg entstanden daraus feste Verkaufsstände. 1960 nahm die Familie die Currywurst ins Angebot auf. Sohn Günter hatte sie während seiner Arbeit in einer Fleischerei im West-Berliner Wedding kennengelernt. Gemeinsam mit einem Metzger entwickelte die Familie eine Variante ohne Darm und eine eigene Soße. Konnopke’s bezeichnet sie als die erste Currywurst, die in Ost-Berlin verkauft wurde.
Auch nach dem Mauerfall blieb der Imbiss an seinem traditionellen Standort. Wegen Bauarbeiten am Viadukt musste der alte Stand später weichen; 2011 wurde an derselben Stelle ein neuer Kiosk eröffnet. Die ausführliche Familien- und Firmengeschichte lässt sich auf der Webseite von Konnopke’s Imbiss nachlesen. Nach der Currywurst musste ich für den nächsten Abschnitt meines Programms nicht weit gehen. Direkt an der Eberswalder Straße stieg ich in die U2 und fuhr weiter zum Alexanderplatz. So führte der Weg innerhalb kurzer Zeit vom erhaltenen Grenzstreifen über eine traditionsreiche Imbissbude bis in das frühere Zentrum Ost-Berlins.
Alexanderplatz und das bekannte Ost-Berlin
Mit der U2 ging es von der Eberswalder Straße direkt zum Alexanderplatz. Beim Verlassen des Bahnhofs stand ich plötzlich in einem weiteren Teil Berlins, den man sofort wiedererkennt – und der vor Ort trotzdem etwas anders wirkt als auf Bildern. Als Erstes fällt die enorme Weite des Platzes auf. Zwischen Bahnhof, Geschäften, Straßenbahnen und den umliegenden Gebäuden liegt eine große offene Fläche, auf der sich die Menschen beinahe verlieren. Das ist kein Zufall: In den 1960er-Jahren wurde der Alexanderplatz nach den Vorstellungen der sozialistischen Stadtplanung grundlegend umgestaltet. Er sollte das moderne Zentrum Ost-Berlins werden und zugleich genügend Raum für öffentliche Veranstaltungen und politische Kundgebungen bieten.
Über allem steht der Fernsehturm. Eigentlich hatte ich ihn während meiner bisherigen Wege durch Berlin schon immer wieder gesehen. Am Alexanderplatz ist er aber so nah, dass er die gesamte Umgebung bestimmt. Der Turm wurde 1969 in Betrieb genommen und sollte nicht nur die Rundfunkversorgung verbessern, sondern auch die technische Leistungsfähigkeit und Modernität der DDR demonstrieren. Heute ist er längst ein gesamtberliner Wahrzeichen – und mit 368 Metern weiterhin das höchste Bauwerk Deutschlands. Einige Hintergründe zu Planung und Bau bietet das offizielle Hauptstadtportal Berlin.de.
Zur bekannten Platzanlage gehören auch die Urania-Weltzeituhr und der Brunnen der Völkerfreundschaft. Beide stammen aus der Zeit der großen Neugestaltung des Alexanderplatzes. Die 1969 aufgestellte Weltzeituhr zeigt die Uhrzeit in zahlreichen Städten und Zeitzonen an und ist seit Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt. Der ein Jahr später eingeweihte Brunnen fügt sich mit seinen farbigen Keramik- und Emailleelementen in die Gestaltung jener Zeit ein. Dieses Nebeneinander machte den Platz für mich interessant. Die DDR-Stadtplanung ist noch erkennbar, wird aber längst vom heutigen Großstadtalltag überlagert. Der Alexanderplatz ist deshalb weder ein abgeschlossenes Freilichtmuseum noch einfach nur eine moderne Einkaufsgegend. Er ist ein Ort, an dem verschiedene Zeiten ziemlich unübersichtlich aufeinandertreffen.
Fernsehturm mit Nebenwirkungen
Der Fernsehturm war als weithin sichtbares Symbol des modernen, sozialistischen Ost-Berlins gedacht. Seine mit Edelstahlplatten verkleidete Kugel entwickelte bei Sonnenschein allerdings einen optischen Nebeneffekt, den vermutlich niemand eingeplant hatte: Das reflektierte Licht erscheint auf ihrer Oberfläche in Form eines Kreuzes. Im Berliner Volksmund erhielt dieses Phänomen den Namen „Rache des Papstes“. Damit wurde ausgerechnet das Prestigeprojekt eines Staates, der Kirchen und Religion kritisch gegenüberstand, zum unfreiwilligen Träger eines christlichen Symbols. Auch der spöttische Name „Sankt Walter“ – in Anspielung auf den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht – machte die Runde.
Rund um das Lichtkreuz entstanden zahlreiche Geschichten. So soll die DDR-Führung angeblich fieberhaft nach einer Möglichkeit gesucht haben, die Reflexion zu beseitigen. Dass der Staatssicherheitsdienst dem Phänomen nachging, ist dokumentiert. Für die besonders drastischen Legenden, nach denen sogar ein Abriss des Turms erwogen worden sei, gibt es dagegen keine belastbaren Belege. Die Geschichte hinter der „Rache des Papstes“ ist damit eine Mischung aus tatsächlichem optischem Effekt, politischem Spott und späterer Ausschmückung.
Für mich stellte sich inzwischen allerdings eine ganz praktische Frage: Wo genau fährt hier eigentlich der Bus 100 ab? Bei den zahlreichen Zugängen, Haltestellen und Verkehrsmitteln rund um den Platz war das weniger offensichtlich, als ich gedacht hatte. Der Bus sollte mich einmal quer durch die Berliner Innenstadt bis zum Bahnhof Zoo bringen – wenn ich zunächst die richtige Haltestelle fand.
Die günstigste Stadtrundfahrt
Am Alexanderplatz fand ich schließlich die Haltestelle der Buslinie 100. Die Idee war einfach: einmal quer durch die Innenstadt bis zum Zoologischen Garten fahren und dabei noch einige Sehenswürdigkeiten aus einer anderen Perspektive sehen. Für eine kleine Stadtrundfahrt war das ausgesprochen günstig, schließlich genügte dafür mein ohnehin vorhandenes Nahverkehrsticket. Vom Alexanderplatz aus führte die Linie zunächst am Berliner Dom und an der Museumsinsel vorbei. Danach ging es über Unter den Linden in Richtung Brandenburger Tor. Viele dieser Orte hatte ich am Vortag bereits zu Fuß gesehen. Aus dem Bus wirkten sie trotzdem noch einmal anders. Außerdem war es nach den bisherigen Kilometern durchaus angenehm, Berlin eine Weile im Sitzen vorbeiziehen zu lassen.
Am Brandenburger Tor und am Regierungsviertel vorbei ging es weiter durch den Tiergarten. Es folgten Schloss Bellevue und schließlich die Siegessäule am Großen Stern. Gerade auf diesem Abschnitt zeigte sich, warum die Linie 100 bei Berlin-Besuchern so beliebt ist: Innerhalb kurzer Zeit verbindet sie erstaunlich viele bekannte Orte miteinander. Endstation war für mich der Bahnhof Zoologischer Garten. Damit hatte ich zumindest kurz auch das westliche Berliner Zentrum erreicht. Direkt in der Nähe fiel das Waldorf Astoria ins Auge, während mit dem Kurfürstendamm, der Gedächtniskirche und dem Breitscheidplatz bereits die nächsten bekannten Ziele gewartet hätten. Für einen ausführlicheren Rundgang reichte die Zeit an diesem Tag allerdings nicht mehr. Der Breitscheidplatz kam deshalb auf die gedankliche Liste für einen späteren Berlin-Besuch. Nach dem kurzen Blick rund um den Bahnhof Zoo machte ich mich auf den Rückweg zum Hotel.
Eine unfreiwillige Verlängerung der Stadtrundfahrt
Vom Bahnhof Zoo wollte ich mit der U9 zurück zum Leopoldplatz fahren und dort in die U6 umsteigen. Bis dahin lief alles nach Plan. Von Leopoldplatz aus wäre es nur noch eine Station bis zum Bahnhof Wedding und damit praktisch bis vor die Tür meines Hotels gewesen.
Betonung auf „wäre“.
Beim Umsteigen erwischte ich die U6 in die falsche Richtung und landete statt in Wedding an der Seestraße. Normalerweise wäre das kein größeres Problem gewesen: aussteigen, Bahnsteig wechseln und eine Station zurückfahren. Wegen einer Unterbrechung und des eingerichteten Ersatzverkehrs ließ sich der Fehler an diesem Tag allerdings nicht ganz so elegant korrigieren. Damit bekam meine Stadtrundfahrt eine ungeplante Verlängerung. Mit dem Bus 120 ging es zunächst zurück zum Leopoldplatz. Dort startete ich den zweiten Versuch, stieg diesmal in die richtige Richtung ein und erreichte mit der U6 eine Station später endlich Wedding.
Dramatisch war der Umweg nicht. Er kostete lediglich etwas Zeit und war eine weitere kleine Lektion im Berliner Nahverkehr: Eine gute Verbindung hilft nur dann, wenn man auch in die richtige Richtung fährt. Immerhin hatte ich mein Tagesticket und musste den zusätzlichen Ausflug nicht noch einmal bezahlen. Gegen 15 Uhr war ich schließlich wieder im Hotel. Damit war das touristische Programm des zweiten Tages zunächst beendet – etwas später als vorgesehen und um eine Fahrt zur Seestraße reicher. Für eine Pause blieb trotzdem noch ausreichend Zeit. Schließlich wartete am Abend noch ein ganz anderer Programmpunkt.
Das politische Berlin von innen
Nach dem kleinen Umweg über die Seestraße blieb im Hotel noch etwas Zeit für eine Pause und die Vorbereitung auf den Abend. Denn der eigentliche Anlass meiner Reise nach Berlin wartete erst jetzt: Auf Einladung von Dr. Josefine Koebe sollte ich am Hessenempfang der SPD in der Hessischen Landesvertretung teilnehmen. Am späten Nachmittag machte ich mich auf den Weg zu den Ministergärten. Zwischen Potsdamer Platz, Holocaust-Mahnmal und Bundeskanzleramt befinden sich dort mehrere Landesvertretungen – darunter auch die Hessische Landesvertretung.
Damit führte mich mein erster Berlin-Besuch nach den vielen bekannten Sehenswürdigkeiten gewissermaßen noch in das politische Berlin von innen. Der Hessenempfang war der Termin, um den herum der gesamte Kurztrip ursprünglich entstanden war. Aus einer Einladung für einen Abend hatte sich so nebenbei ein ziemlich umfangreiches Berliner Besichtigungsprogramm entwickelt.
Beim Empfang selbst herrschte eine lockere Atmosphäre. Unter den zahlreichen Gästen aus der Bundes- und Landespolitik waren auch Bärbel Bas und Lars Klingbeil. Für mich ergaben sich im Laufe des Abends gute Gespräche über aktuelle politische Entwicklungen im Bund und bei uns vor Ort. Dabei ging es unter anderem um Sport und Ehrenamt sowie um Natur- und Klimaschutz. Gerade bei diesen Themen wurde deutlich, wie eng ökologische und soziale Fragen miteinander verbunden sind. Klimaschutz funktioniert auf Dauer nur, wenn die notwendigen Veränderungen auch sozial gerecht gestaltet werden. Umgekehrt gehören eine gesunde Umwelt, bezahlbare Energie, nachhaltige Mobilität und lebenswerte Städte unmittelbar zu einer Politik, die den Alltag der Menschen verbessern will.
Ein weiteres Thema war das Infrastruktur-Sondervermögen. Was auf Bundesebene zunächst nach einer ziemlich abstrakten Finanzierungsfrage klingt, wird durch die geplanten Investitionen auch für Bensheim sehr konkret. Damit führte manches Gespräch in Berlin ziemlich direkt zurück zu den Aufgaben und Entscheidungen vor der eigenen Haustür. Eine ausführliche politische Veranstaltungsnachlese soll daraus an dieser Stelle trotzdem nicht werden. Der Hessenempfang war ein besonderer Abschluss meines ersten Berlin-Besuchs, aber eben nur ein Teil dieser Reise. Nach zwei Tagen zwischen Regierungsviertel, Erinnerungsorten, Currywurst, Buslinien und U-Bahn-Stationen passte der Abend allerdings ziemlich gut in das Gesamtbild: Berlin noch einmal aus einer anderen Perspektive, interessante Begegnungen und einige gute Gespräche.
Vielen Dank an Dr. Josefine Koebe für die Einladung und den schönen Abend. Der Weg nach Berlin hatte sich damit gleich mehrfach gelohnt.
Fazit: Viel gesehen – und trotzdem erst angefangen
Berlin lässt sich in knapp zwei Tagen selbstverständlich nicht kennenlernen. Dafür ist die Stadt zu groß, zu vielschichtig und wahrscheinlich auch zu widersprüchlich. Ich habe also nicht „Berlin gesehen“, sondern einen ersten Eindruck bekommen – der allerdings deutlich umfangreicher ausfiel, als ich vor der Reise erwartet hatte.
Da war zunächst das politische Berlin mit Bundeskanzleramt, Reichstag und Brandenburger Tor. Orte, die man ständig in Nachrichten und politischen Berichten sieht und die sich trotzdem anders anfühlen, wenn man zum ersten Mal selbst davorsteht. Später kam mit dem Hessenempfang auch noch ein Blick hinter einige der Fassaden hinzu. Er war der ursprüngliche Anlass für die Reise und zugleich ein besonderer Abschluss, aber eben nur ein Teil dieses Berlin-Besuchs.
Mindestens ebenso prägend waren die Erinnerungsorte. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die Topographie des Terrors und die Gedenkstätte Berliner Mauer stehen für unterschiedliche Abschnitte der deutschen Geschichte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Geschehnisse räumlich sichtbar machen, die sonst leicht abstrakt bleiben. Besonders die Bernauer Straße hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil dort noch nachvollziehbar wird, wie unmittelbar die Teilung in das Leben der Menschen eingriff.
Daneben lagen das historische Zentrum, der Alexanderplatz und der kurze Abstecher in den Berliner Westen. Auf engem Raum wechselten sich repräsentative Regierungsbauten, Architektur aus der DDR-Zeit, touristische Sehenswürdigkeiten und ganz normaler Großstadtalltag ab. Zwischendurch ging es mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus durch die Stadt, zu Fuß an der Spree entlang, unter die Hochbahn zur Currywurst oder einfach in die falsche Richtung bis zur Seestraße.
Vielleicht waren es gerade diese Übergänge und Kontraste, die den Besuch so interessant machten: vom Straßenkunstfestival zur Topographie des Terrors, von der Gedenkstätte Berliner Mauer zu Konnopke’s Imbiss und vom ganz normalen Linienbus am Nachmittag zum politischen Empfang am Abend. Berlin wechselte innerhalb weniger Minuten mehrfach sein Gesicht.
Natürlich blieb vieles offen. Die Reichstagskuppel habe ich ebenso wenig besucht wie den Breitscheidplatz und die Gedächtniskirche. Für die Museen auf der Museumsinsel, längere Abstecher in einzelne Viertel und zahlreiche weitere Orte war ebenfalls keine Zeit. Das ist aber kein wirklicher Nachteil. Ein erster Besuch muss schließlich nicht alles erledigen – und bei Berlin wäre dieser Versuch vermutlich ohnehin aussichtslos.
Für einen ersten Eindruck war das eine ganze Menge Berlin. Und genug übrig geblieben ist trotzdem, um wiederzukommen. Dann würde ich gerne die Reichstagskuppel besichtigen, das westliche Berlin rund um Breitscheidplatz und Kurfürstendamm genauer kennenlernen und mit dem Tränenpalast oder dem Stasimuseum die Geschichte der deutschen Teilung weiter vertiefen. Auch die East Side Gallery und das Tempelhofer Feld würden mich interessieren – zwei Orte, die noch einmal ganz andere Seiten Berlins zwischen Geschichte, Stadtentwicklung und heutigem Großstadtleben zeigen.
Meine Berlin-Bilanz
Berlin in Zahlen – ungefähr jedenfalls
- drei Kalendertage unterwegs
- knapp zwei Tage in Berlin
- das eigentliche Touristenprogramm in weniger als 24 Stunden
- allein am Montag rund neun bis zehn Kilometer zu Fuß
- zwei längere Stadtspaziergänge
- drei große Erinnerungsorte
- Regierungsviertel, historische Mitte sowie Eindrücke von Ost- und West-Berlin
- Fahrten mit S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn und mehreren Bussen
- eine Stadtrundfahrt mit der Linie 100
- ein ungeplanter Abstecher zur Seestraße
- eine Currywurst und eine bemerkenswerte Kartoffelsuppe
- ein Handyakku mit perfektem Timing
- FlixTrain-Verspätungen auf der Hin- und Rückfahrt
- sehr viele Eindrücke und noch genügend Gründe für einen zweiten Besuch
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Zuletzt aktualisiert am 13. September 2026









































