Bensheim & Umgebung

Der Wahlkampf ist vorbei. Jetzt geht es um Bensheim.

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Kurzüberblick, Einordnung und Meta-Daten zum Beitrag
Veröffentlicht am 24. August 2026
Zuletzt aktualisiert am 24. August 2026

Worum es hier geht: Harry Hegenbarth hat die Bensheimer Bürgermeisterwahl deutlich gewonnen und tritt sein Amt im Dezember mit einem starken persönlichen Mandat an. Gleichzeitig verfügen CDU, SPD und FWG über eine stabile Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Der Beitrag untersucht, wie diese beiden demokratischen Mandate künftig zusammenspielen können, welche Erfahrungen sich aus der noch laufenden Amtszeit von Christine Klein ableiten lassen und was die vergangenen Entscheidungen der Stadtverordnetenversammlung über die Wirkung politischer Mehrheiten und parteiübergreifender Zusammenarbeit zeigen. Außerdem geht es um die Frage, ob Hegenbarths Erfolg auch Ausdruck eines breiteren Wunsches nach politischer Veränderung jenseits klassischer Parteistrukturen ist.

Für wen & wofür geeignet:
Für Bürger:innen und kommunalpolitisch Interessierte, die verstehen möchten, welche Möglichkeiten ein direkt gewählter Bürgermeister in Bensheim tatsächlich hat, welche Rolle die Stadtverordnetenversammlung und die Koalitionsmehrheit spielen und warum politische Zusammenarbeit nicht automatisch Zustimmung oder Ablehnung automatisch Blockade bedeutet. Der Beitrag ordnet die neue politische Konstellation nach der Bürgermeisterwahl ein und verbindet aktuelle Reaktionen der Parteien mit Erfahrungen und dokumentierten Entscheidungen aus den vergangenen Jahren.

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Titelbild
Brunnen am Marktplatz
© Michael K. Kärchner

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Harry Hegenbarth hat die Bürgermeisterwahl überraschend deutlich gewonnen. Gleichzeitig verfügt die Koalition aus CDU, SPD und FWG über eine stabile Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Daraus entsteht eine politische Konstellation mit zwei starken demokratischen Mandaten. Die ersten Reaktionen nach der Wahl sprechen eher für Zusammenarbeit als für Konfrontation. Ob das so bleibt, wird sich allerdings nicht an Gratulationen entscheiden, sondern an konkreten politischen Entscheidungen.

Am 16. August 2026 haben die Bensheimerinnen und Bensheimer eine bemerkenswert klare Entscheidung getroffen. Harry Hegenbarth, parteiloser Unternehmer und politischer Quereinsteiger, gewann die Bürgermeisterwahl bereits im ersten Wahlgang mit 58,54 Prozent. Carmelo Torre, Kandidat der CDU, erreichte 30,41 Prozent. Bei sechs Bewerbern und ohne Stichwahl ist das ein ausgesprochen deutliches Ergebnis. Hegenbarth tritt sein Amt am 15. Dezember mit einem starken persönlichen Mandat an.

An den politischen Kräfteverhältnissen in der Stadtverordnetenversammlung ändert dieses Ergebnis allerdings nichts. Dort bleibt die CDU mit 16 der 45 Mandate stärkste Fraktion. Die Grünen verfügen über zehn Sitze, die SPD über sechs, die BfB über vier sowie FDP, FWG und Volt über jeweils drei. CDU, SPD und FWG verständigten sich nach der Kommunalwahl auf die heutige Koalition und verfügen gemeinsam über 25 Mandate.

Damit treffen ab Dezember zwei eigenständige demokratische Legitimationen aufeinander: ein direkt gewählter Bürgermeister mit einem außergewöhnlich deutlichen Wahlergebnis und eine Koalitionsmehrheit in der Stadtverordnetenversammlung, die ebenfalls erst wenige Monate zuvor von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt wurde. Keines dieser Mandate hebt das andere auf. Genau darin liegt die politische Besonderheit der kommenden Jahre.

Zwei Mandate, eine Stadt

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der Bürgermeister häufig als politischer Chef einer Stadt. Das ist nicht falsch, beschreibt seine Rolle aber nur teilweise. Der Bürgermeister leitet die Verwaltung, beaufsichtigt ihren Geschäftsgang, organisiert Zuständigkeiten und besitzt erheblichen Einfluss darauf, wie Themen vorbereitet, Prioritäten gesetzt und Verwaltungsprozesse gesteuert werden. Die grundlegenden politischen Entscheidungen trifft jedoch die Stadtverordnetenversammlung. Sie beschließt unter anderem über Haushalt und Satzungen, größere Investitionen, Bauleitplanung, Grundstücksgeschäfte und zahlreiche strategische Weichenstellungen. Ein direkt gewählter Bürgermeister verfügt deshalb über beträchtlichen Gestaltungsspielraum – aber nicht automatisch über eine politische Mehrheit für seine Vorhaben.

Umgekehrt kann eine Koalitionsmehrheit den Bürgermeister auch nicht auf die Rolle eines bloßen Vollzugsorgans reduzieren. Sein Mandat stammt ebenfalls unmittelbar von den Bürgerinnen und Bürgern. Hegenbarth kann künftig mit Recht auf seine 58,54 Prozent verweisen; CDU, SPD und FWG ebenso darauf, dass ihre Fraktionen gemeinsam über die Mehrheit der Mandate in der Stadtverordnetenversammlung verfügen. Die entscheidende Frage wird deshalb nicht sein, wer mehr demokratische Legitimation besitzt, sondern wie beide Seiten mit ihrer jeweiligen Legitimation umgehen.

Dass diese Frage nicht erst nach der Wahl entstanden ist, zeigte sich bereits wenige Tage zuvor bei der Podiumsdiskussion der Bensheimer Wirtschaftsvereinigung. Unter der Überschrift „Gretchenfrage & Hand aufs Herz“ konnte das Publikum zwischen drei Fragen wählen. Mit 41 Prozent erhielt ausgerechnet jene den größten Zuspruch, die wissen wollte, wie ein künftiger Bürgermeister mit einer Stadtverordnetenversammlung zusammenarbeiten wolle, in der er möglicherweise keine eigene Mehrheit habe. Die Konstellation, über die Bensheim nun tatsächlich sprechen muss, war also schon vor dem Wahltag als zentrale politische Frage erkannt worden.

Für die CDU ist diese Situation naturgemäß besonders interessant. Sie hatte mit Carmelo Torre einen eigenen Kandidaten aufgestellt, führte für ihn Wahlkampf und bezeichnete Torre und den Ersten Stadtrat Frank Daum nach der Wahl noch einmal als ihr gewünschtes „Team Torre-Daum“. Dieses Modell hat bei der Bürgermeisterwahl keine Mehrheit gefunden. Die CDU bleibt dennoch mit Abstand stärkste Fraktion und zugleich stärkste Kraft innerhalb der Koalition. Ab Dezember arbeitet sie deshalb mit einem Bürgermeister zusammen, für dessen Gegenkandidaten sie wenige Monate zuvor geworben hat.

Darin liegt Konfliktpotenzial, aber noch kein Konflikt. Die Reaktionen nach der Wahl fallen vielmehr bemerkenswert konstruktiv aus. Die CDU gratulierte Hegenbarth zu seinem eindeutigen Ergebnis und kündigte eine sachorientierte Zusammenarbeit mit Bürgermeister und Magistrat an. Bemerkenswert war auch ihre eigene historische Einordnung: Eine ähnliche Konstellation kenne Bensheim bereits aus den vergangenen sechs Jahren, in denen die CDU stärkste Fraktion war, während mit Christine Klein eine nicht von ihr aufgestellte Bürgermeisterin an der Spitze des Rathauses stand.

Auch SPD und FWG senden zunächst klare Kooperationssignale. Die SPD spricht von einem angestrebten kooperativen und vertrauensvollen Verhältnis und benennt mit der geplanten Bewegungs- und Skateranlage in der Taunusanlage bereits ein konkretes Vorhaben, bei dem sie Schnittmengen mit Hegenbarth sieht. Die FWG wiederum erkennt nach eigener Aussage bei mehreren seiner angekündigten Projekte eigene politische Positionen wieder.

Ähnlich offen reagieren die Fraktionen außerhalb der Koalition. Die Grünen hatten mit Stefan Juchems einen eigenen Bürgermeisterkandidaten, sehen in Hegenbarths Ergebnis aber dennoch einen deutlichen Wunsch nach Veränderung und räumen ein, dass er offenbar auch große Teile ihrer Stammwählerschaft erreicht hat. Volt äußert sich ausgesprochen positiv über seinen überparteilichen Ansatz, seine Vernetzung und Führungserfahrung. Die FDP sieht Schnittmengen, verbindet ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit allerdings mit dem nachvollziehbaren Hinweis auf die begrenzten finanziellen Spielräume der Stadt.

Und die BfB formuliert einen Maßstab, an dem sich in den kommenden Jahren durchaus auch ihr eigenes Handeln messen lassen wird: Gute Ideen dürften nicht danach bewertet werden, aus welcher Fraktion sie kommen, sondern danach, ob sie Bensheim voranbringen. Genau dort liegt der Kern der neuen politischen Konstellation. Streit über Inhalte ist kein Problem, sondern Aufgabe demokratischer Politik. Ein Nein zu einem Vorschlag des Bürgermeisters ist noch keine Blockade, eine Änderung keine Sabotage und eine Zustimmung umgekehrt kein Treueschwur. Problematisch würde es erst, wenn bei Entscheidungen irgendwann weniger die Sache selbst als die Frage ausschlaggebend wäre, wem ein möglicher Erfolg politisch zugerechnet wird.

Was politische Mehrheiten können – und wo Konsens trägt

Wie wirksam eine stabile politische Mehrheit sein kann, lässt sich an der vergangenen Wahlperiode ziemlich deutlich ablesen. Dafür lohnt sich ein Blick in die öffentlich zugänglichen Sitzungsprotokolle der Bensheimer Stadtverordnetenversammlung. Eine Auswertung der bislang vorliegenden Protokolle aus der Zeit der damaligen Koalition von CDU, SPD und FDP zeigt ein klares Muster: Anträge und Änderungsanträge aus dem Koalitionslager hatten ausgesprochen hohe Erfolgschancen, während Vorstöße der Oppositionsfraktionen deutlich häufiger an der Mehrheit scheiterten. Gegen Ende der Wahlperiode wurde dieser Unterschied besonders sichtbar.

Das ist zunächst weder überraschend noch ein Beleg dafür, dass Anträge allein wegen ihres Absenders abgelehnt wurden. Eine Koalition stimmt ihre Positionen üblicherweise vor den Sitzungen miteinander ab, während oppositionelle Anträge häufig gerade darauf zielen, diesen Kurs zu verändern. Auch sagt die reine Erfolgsquote nichts über die politische oder fachliche Qualität eines einzelnen Vorschlags aus. Trotzdem lässt sich erkennen, wie stark eine organisierte Koalitionsmehrheit die politische Richtung einer Stadtverordnetenversammlung prägen kann. Für einen Bürgermeister ohne eigene Fraktion ist das eine wichtige politische Realität.

Bemerkenswert ist allerdings auch die andere Seite der Auswertung: Wo Anträge gemeinsam von Fraktionen innerhalb und außerhalb der damaligen Koalition getragen wurden, waren sie in den vergangenen Jahren nahezu durchgehend erfolgreich. Die Bensheimer Kommunalpolitik zerfiel also keineswegs zwangsläufig in zwei starre Lager. Wenn ein parteiübergreifender Konsens zustande kam, erwies er sich regelmäßig als ausgesprochen tragfähig.

Für Hegenbarth könnte genau darin eine wichtige Erfahrung liegen. Seine Aufgabe wird kaum darin bestehen, eine Koalitionsmehrheit von 25 Mandaten irgendwie zu „überwinden“. Erfolgversprechender dürfte sein, Vorhaben so vorzubereiten, transparent zu begründen und politische Partner so früh einzubeziehen, dass aus der Frage Bürgermeister gegen Koalition möglichst selten überhaupt eine relevante Kategorie wird. Das ist allerdings keine Einbahnstraße. Auch eine Koalition muss sich fragen lassen, ob sie einen guten Vorschlag deshalb verändert oder ablehnt, weil sie ihn sachlich für falsch hält – oder weil der politische Erfolg am Ende beim Bürgermeister landen könnte. Genau diese Grenze lässt sich nicht aus einer einzelnen Abstimmung ablesen. Sie würde erst sichtbar, wenn sich über längere Zeit ein Muster entwickelt.

Christine Klein als sechsjähriger Praxistest

Völlig neu ist die Ausgangslage für Bensheim ohnehin nicht. Christine Klein trat 2020 ebenfalls als unabhängige Kandidatin an und besiegte in der Stichwahl den damaligen CDU-Amtsinhaber Rolf Richter. Auch sie begann ihre Amtszeit ohne eigene Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Die Frage, ob ein parteiunabhängiges Stadtoberhaupt ohne parlamentarische Hausmacht überhaupt gestalten kann, wurde schon damals gestellt. Klein trat mit einem weitreichenden Veränderungsanspruch an: mehr Bürgernähe und Transparenz, stärkere Beteiligung, einen ganzheitlicheren Blick auf Stadtentwicklung, eine modernere Verwaltung, ein Mobilitätskonzept und einen stärker klimaorientierten Kurs. Ihre Amtszeit läuft noch bis zum 14. Dezember und eignet sich deshalb als unmittelbare Vergleichsfolie für das, was Hegenbarth erwartet.

Die vergangenen Jahre sprechen gegen zwei gleichermaßen einfache Erzählungen. Christine Klein war weder eine Bürgermeisterin, die von der Stadtverordnetenversammlung sechs Jahre lang systematisch blockiert wurde, noch konnte sie ihre Vorstellungen unabhängig von politischen Mehrheiten durchsetzen. Die weit überwiegende Zahl regulärer Verwaltungs- und Magistratsvorlagen fand Mehrheiten. Haushalte wurden verabschiedet, Planungsverfahren fortgeführt, Investitionen ermöglicht. Zugleich griff insbesondere die damalige Koalition aus CDU, SPD und FDP immer wieder in die konkrete Ausgestaltung ein, setzte eigene Prioritäten und veränderte Verwaltungsvorschläge. Treffender als „Blockade“ ist deshalb in vielen Fällen der Begriff politische Steuerung.

Die Stadtbibliothek ist dafür ein gutes Beispiel. Die Verwaltung verfolgte zeitweise eine Interimslösung mit zwei Standorten. Die politische Mehrheit entschied sich schließlich für einen anderen Weg und legte fest, ausschließlich die Alte Gerberei weiterzuverfolgen. Die ursprüngliche Verwaltungslösung setzte sich also nicht durch. Trotzdem wurde die Bibliothek nicht blockiert – die Stadtverordnetenversammlung traf schlicht eine andere politische Entscheidung über die Umsetzung. Solche Situationen wird es auch unter Hegenbarth geben. Die Verwaltung entwickelt eine fachliche Lösung, der Bürgermeister vertritt sie, die Stadtverordnetenversammlung verändert sie oder entscheidet sich für eine Alternative. Das ist kein Systemfehler. Es ist die vorgesehene Rollenverteilung.

Umgekehrt zeigt Kleins Amtszeit, dass ein parteiunabhängiges Stadtoberhaupt durchaus eigene Akzente setzen kann. Ein sichtbares Beispiel ist die Sparkassen-Hauptstelle. Klein hatte bereits im Bürgermeisterwahlkampf 2020 den vorgesehenen Abriss und Neubau kritisch gesehen und eine erneute Prüfung verlangt. Später entschied der Verwaltungsrat unter ihrem Vorsitz, das bestehende Gebäude zu modernisieren. 2024 wurde die revitalisierte Zentrale wiedereröffnet; gegenüber der zuvor geplanten Neubauvariante fiel der finanzielle Aufwand nach veröffentlichten Angaben erheblich geringer aus.

Andere Themen zeigen dagegen die Grenzen kommunaler Gestaltung. Beim Marktplatz wurde während Kleins Amtszeit der Planungs- und Beteiligungsprozess erheblich erweitert. Es gab einen städtebaulichen Ideenwettbewerb, Ausstellungen und Workshops. Umgestaltet ist der Marktplatz trotzdem noch nicht, und 2026 wurden angesichts der Haushaltslage zunächst Mittel für einen weiteren Wettbewerb gestrichen. Gerade diese Mischung dürfte auch Hegenbarths Amtszeit prägen. Ein Bürgermeister kann Themen setzen, Prozesse verändern und Entscheidungen vorbereiten. Aber größere Vorhaben treffen irgendwann auf Haushaltsrecht, Planung, Ausschreibungen und politische Mehrheiten. Das lässt sich weder mit einem Wahlsieg noch mit guter Kommunikation vollständig außer Kraft setzen.

Hegenbarths Erfolg steht auch für einen Wunsch nach Veränderung

Trotz dieser Parallelen wäre es falsch, Hegenbarth lediglich als zweite Variante Christine Kleins zu betrachten. Sein Wahlerfolg besitzt möglicherweise eine zusätzliche politische Dimension. Bundesweit hat die Bindungskraft der traditionellen Parteien in den vergangenen Jahren deutlich gelitten. Die AfD konnte stark zulegen, während zugleich immer mehr Wähler zwischen Parteien wechseln oder sich überhaupt nicht mehr dauerhaft politisch zuordnen. Das bedeutet nicht, dass jede AfD-Stimme bloßer Protest wäre; ein erheblicher Teil ihrer Anhänger entscheidet sich aus klarer inhaltlicher Überzeugung für die Partei. Daneben existiert aber zweifellos ein großes Feld von Menschen, deren Ausgangspunkt zunächst der Wunsch nach Veränderung und die Unzufriedenheit mit etablierten politischen Abläufen ist.

Dieses Potenzial gibt es auch in Bensheim. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD hier knapp 16 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Bürgermeisterwahl blieb Matthias Penteker dagegen bei gut vier Prozent. Er trat formal als Einzelbewerber an, machte seine AfD-Mitgliedschaft und seine politische Tätigkeit für die Partei im Kreis Bergstraße jedoch selbst öffentlich. Aus diesen Zahlen lässt sich keine Wählerwanderung zu Hegenbarth ableiten. Bundestags- und Bürgermeisterwahlen sind unterschiedlich, und ohne entsprechende Wahlanalysen lässt sich nicht feststellen, wer im August welchen Kandidaten gewählt hat. Auffällig bleibt dennoch, dass sich das in Bensheim nachweisbar vorhandene AfD-Wählerpotenzial bei dieser Personenwahl nicht annähernd im Ergebnis des Bewerbers mit AfD-Hintergrund widerspiegelte.

Hegenbarths 58,54 Prozent können ohnehin nicht aus einem klassischen politischen Lager stammen. Selbst die Grünen gehen davon aus, dass er erhebliche Teile ihrer Stammwählerschaft erreicht hat; SPD und FWG sehen Schnittmengen, Volt hatte seine Kandidatur bereits vor der Wahl positiv bewertet. Offenkundig ist es ihm gelungen, Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Ausgangspunkten anzusprechen. Darin könnte eine interessante Erfahrung liegen: Der Wunsch nach Veränderung muss nicht zwangsläufig in einen Rechtsruck münden. Ein glaubwürdiges demokratisches Angebot außerhalb klassischer Parteistrukturen kann offenbar ebenfalls Menschen erreichen, die mit bisherigen politischen Routinen unzufrieden sind.

Es wäre überzogen, daraus die Behauptung zu machen, Hegenbarth habe Bensheim vor einem Rechtsruck bewahrt. Dafür gibt es keinen Beleg. Aber man kann durchaus feststellen, dass sich ein ausgesprochen starker Veränderungswunsch bei dieser Wahl vor allem hinter einem parteilosen Kandidaten gesammelt hat, der nicht mit Abgrenzung oder Radikalisierung, sondern mit Bürgernähe, Zusammenarbeit und einem anderen politischen Stil geworben hat.

Auch für die etablierten Parteien steckt darin eine Botschaft. Die Antwort auf wachsende Parteienverdrossenheit kann kaum allein darin bestehen, traditionelle Strukturen noch ausführlicher zu erklären. Man wird auch verstehen müssen, warum Menschen zunehmend nach Personen und Angeboten suchen, die außerhalb dieser Strukturen stehen. Zu Hegenbarths besonderer Ausgangslage gehört außerdem seine berufliche Erfahrung. Kommunikation, Veranstaltungen, Kampagnen, Gestaltung und öffentliche Wahrnehmung gehörten über viele Jahre zu seinem Geschäft. Das war bereits im Wahlkampf deutlich erkennbar: Videos, Veranstaltungen, digitale Kommunikation und persönliche Ansprache wirkten nicht wie einzelne Bausteine, sondern wie Teile eines konsequent aufgebauten Gesamtauftritts.

Das kann künftig politisch relevant werden. CDU, SPD und FWG verfügen über eine stabile Koalitionsmehrheit. Hegenbarth verfügt über ein starkes persönliches Wahlergebnis und eine ausgeprägte Fähigkeit, politische Vorgänge unmittelbar öffentlich zu vermitteln. Das sind unterschiedliche politische Ressourcen. Kommunalpolitik ist häufig kompliziert: Ein Vorhaben wird vorbereitet, in Ausschüssen beraten, geändert, vertagt, erneut geprüft und Monate später vielleicht beschlossen. Dafür kann es gute Gründe geben. Öffentlich lässt sich derselbe Vorgang sehr viel einfacher erzählen: Die Verwaltung wollte etwas, eine politische Mehrheit hat es verhindert.

Sollte sich ein solches Bild bei mehreren öffentlich stark wahrgenommenen Projekten verfestigen, könnte daraus eine für die Koalition unangenehme politische Erzählung entstehen: Der Bürgermeister will gestalten, die Mehrheit lässt ihn nicht. Nach der deutlichen Niederlage ihres eigenen Bürgermeisterkandidaten wäre insbesondere die CDU gut beraten, eine solche Wahrnehmung gar nicht erst entstehen zu lassen.

Das Risiko besteht allerdings genauso auf der anderen Seite. Wenn Hegenbarth jedes Nein, jede Änderung oder jede haushaltspolitische Grenze als persönliche Blockade darstellen sollte, könnte aus seiner kommunikativen Stärke schnell politische Polarisierung werden. Ein starkes Wahlergebnis gibt ihm einen erheblichen Auftrag. Es ersetzt trotzdem keine politische Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung.

Entscheidend wird sein, was aus der guten Ausgangslage wird

Ein erstes Beobachtungsfeld könnte die Sporthallenfrage werden. Mehrere große Bensheimer Sportvereine haben gemeinsam auf zunehmende Engpässe hingewiesen. Bei einem Sporthallen-Gipfel mit Stadt und Kreis wurde ein strukturierter Prozess angestoßen, um Bedarf, Sanierungen und mögliche zusätzliche Kapazitäten gemeinsam zu betrachten. Hegenbarth spricht sich für eine zusätzliche Sportstätte für Schulen, Vereine und Leistungssport aus. Auch Carmelo Torre hatte im Wahlkampf zusätzlichen Bedarf gesehen und Fördermöglichkeiten des Landes thematisiert. Der Erste Stadtrat Frank Daum arbeitet bereits mit Stadt, Kreis und Vereinen an dem Thema. Niemand müsste deshalb seine Position nach der Bürgermeisterwahl grundsätzlich verändern, um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.

Gerade solche Themen werden zeigen, ob politische Unterstützung tatsächlich von der Sache abhängt. Natürlich kann ein Vorhaben am Ende zu teuer sein, ein Standort ungeeignet oder eine Planung nicht tragfähig. Ein sachlich begründetes Nein ist keine Blockade. Interessant würde es erst, wenn ein vernünftiger nächster Schritt plötzlich deshalb weniger attraktiv erschiene, weil der politische Erfolg einem anderen zugerechnet werden könnte.

Dafür sind die tatsächlichen Aufgaben der Stadt zu groß. Die Haushaltslage bleibt angespannt, Infrastruktur muss erhalten werden, Innenstadt und Marktplatz warten auf weitere Entscheidungen. Wohnungsbau, Gewerbeflächen sowie Natur- und Klimaschutz müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Kinderbetreuung kostet erhebliche Summen, Sportvereine brauchen Infrastruktur, das Mobilitätskonzept muss irgendwann von der Planung in konkrete Maßnahmen übersetzt werden, und auch die Verwaltung selbst steht vor weiteren Veränderungen. Keine dieser Fragen wird leichter, wenn Bürgermeister und Stadtverordnetenversammlung beginnen, politische Revierkämpfe auszutragen.

Langfristig gibt es noch einen zusätzlichen Grund, das Verhältnis genau zu beobachten. Die Stadtverordnetenversammlung wurde im März 2026 für fünf Jahre gewählt, Hegenbarths sechsjährige Amtszeit beginnt dagegen erst im Dezember. Bei der nächsten regulären Kommunalwahl 2031 wird er deshalb weiterhin Bürgermeister sein. Sollte sich bis dahin ein sichtbarer Dauerkonflikt zwischen Rathaus und Koalitionsmehrheit entwickeln, könnte auch das politische Zusammenspiel selbst zu einem Thema dieser Wahl werden.

Im Moment gibt es dafür allerdings keinen Anlass. Noch ist kein einziges Hegenbarth-Projekt von der Koalition blockiert worden. Er ist noch nicht einmal im Amt. Unmittelbar nach seiner Wahl haben sämtliche politischen Kräfte Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert – mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Erwartungen, aber ohne erkennbare Wagenburg. Das ist eine bessere Ausgangslage, als es die ungewöhnliche Machtkonstellation zunächst vermuten lässt. Bensheim bekommt einen parteilosen Bürgermeister mit starkem persönlichem Mandat, unternehmerischem Hintergrund und ausgeprägter Kommunikationsfähigkeit. Gleichzeitig verfügt die Stadtverordnetenversammlung über eine arbeitsfähige Koalitionsmehrheit. SPD und FWG sind Partner der CDU, bleiben aber eigenständige politische Kräfte. Daneben stehen Grüne, BfB, FDP und Volt. Die vergangenen Jahre zeigen, wie stark eine organisierte Mehrheit sein kann. Sie zeigen aber ebenso, dass parteiübergreifend getragene Lösungen in Bensheim regelmäßig funktioniert haben.

Vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage der kommenden Jahre gar nicht, wer „gegen Harry“ oder „gegen die CDU“ steht. Entscheidend dürfte vielmehr sein, welche Mehrheiten sich für konkrete Lösungen finden lassen – und ob die Beteiligten akzeptieren können, dass eine gute Idee nicht schlechter wird, nur weil jemand anderes sie zuerst hatte. Denn die Probleme, über die entschieden werden muss, sind am Ende erstaunlich handfest. Eine Kita ist voll oder sie ist es nicht. Eine Halle fehlt oder der Bedarf lässt sich anders lösen. Der Marktplatz wartet sichtbar auf eine Perspektive. Und ein Haushaltsdefizit verschwindet weder durch einen Koalitionsvertrag noch durch ein erfolgreiches Social-Media-Video. Harry Hegenbarth hat die Bürgermeisterwahl gewonnen. CDU, SPD und FWG besitzen eine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Auch die übrigen Fraktionen haben ihr demokratisches Mandat.

Daraus muss kein politischer Graben entstehen.

Der Wahlkampf ist vorbei. Ab Dezember beginnt die eigentliche Arbeit.

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Zuletzt aktualisiert am 24. August 2026

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