Radtouren

Von Borkum bis Verona – ein Jubiläum in Zahlen und Zwiebeln

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Artikelinfo
Kurzüberblick, Einordnung und Meta-Daten zum Jubiläumsartikel
Veröffentlicht am 31. Juli 2026
Zuletzt aktualisiert am 31. Juli 2026

Worum es hier geht: Dieser Jubiläumsartikel blickt auf 20 gemeinsame Touren zurück, die ich inzwischen mit Tommy bestritten habe. Im Mittelpunkt stehen zwölf gemeinsame Reisejahre, Rückblicke und die Frage, wie sich unsere Art zu reisen verändert hat: von langen Tagesetappen und möglichst viel Strecke hin zu kürzeren Etappen, Doppelübernachtungen und mehr Zeit für Landschaften, Städte und Pausen. Dazu kommen Wetterextreme, Bahnabenteuer, Hotels, Frühstücksbuffets und eine erstaunlich beständige Vorliebe für Wurstsalat.

Für wen & wofür geeignet:
Für alle, die Radreisen nicht nur als sportliche Strecke, sondern als entschleunigte Form des Reisens verstehen. Der Beitrag ist persönlicher Jubiläumsrückblick, landschaftliche Reise durch zwölf Jahre, ehrliche Bilanz und augenzwinkernde Sammlung aus Zahlen, Erinnerungen und Zwiebeln. Wer einzelne Touren, Etappen, Orte, Hotels und Reiseberichte genauer erkunden möchte, findet dazu weiterführende Verweise im Radreise-Atlas.

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Zwei bepackte Reiseräder am Bodensee
© Michael K. Kärchner

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Mit der Mosel-Reise 2026 war unsere 20. gemeinsame Radreise geschafft. Für mich war es bereits die 21. dokumentierte Tour, und unterwegs fiel außerdem mein persönlicher 5.000. Radreisekilometer. Genug runde Zahlen also, um einmal zurückzuschauen: auf zwölf gemeinsame Reisejahre, auf 4.648 Kilometer zu zweit und auf die Frage, was von all diesen Wegen eigentlich geblieben ist – außer Fotos, Hotelrechnungen und einer erstaunlich belastbaren Sammlung von Wurstsalaten.

Auf meiner ersten großen Radreise bin ich eine ganze Weile durch Mannheim gefahren, ohne zu merken, dass ich bereits in Mannheim war. Ich kannte die Stadt natürlich. Aber ich kannte sie nicht aus dieser Richtung, nicht vom Neckar-Radweg aus und nicht aus der Perspektive eines Menschen, der mit Gepäck auf dem Fahrrad langsam in eine Stadt hineinrollt. Erst nach einigen Minuten wurde mir klar, wo ich eigentlich war.

Das klingt nach einem eher banalen Orientierungserlebnis. Für mich steckt darin aber ziemlich genau das, was Radreisen bis heute ausmacht: Man sieht bekannte Orte neu und unbekannte Landschaften nicht nur aus einem Zugfenster oder von der Autobahn. Man erlebt die Übergänge. Man merkt, wie sich ein Fluss verändert, wie aus Bergen langsam Ebenen werden, wie sich Häuser, Landschaft und Sprache verschieben.

Manche Strecken bleiben deshalb nicht als Linie auf einer Karte zurück, sondern als Geräusch, Geruch oder kurzer Blick am Wegesrand. Das gleichmäßige Surren der Reifen, feuchte Luft am Morgen oder ein Fluss hinter dem Deich, den man zunächst nur hört, tauchen Jahre später manchmal schneller wieder auf als der Name des damaligen Hotels. Radreisen hinterlassen offenbar ihre ganz eigene Form von Gedächtnis.

Doppelt gezählt

Meine erste Reise auf dem Neckar-Radweg im Jahr 2012 bin ich noch mit Yasmin gefahren. 466 Kilometer von Villingen-Schwenningen bis nach Bensheim, sechs Tage, sechs Etappen – und gleich auf Anhieb der bis heute gültige Distanzrekord. Danach vergingen zwei Jahre ohne Radreise. 2015 folgte der Rhein-Radweg von Bad Bellingen nach Bensheim. Seit dieser Tour fahre ich jedes Jahr mit Tommy. Deshalb musste 2026 etwas genauer gezählt werden.

Die Edersee-Tour war meine 20. dokumentierte Radreise, aber erst die 19. gemeinsame. Die Mosel war anschließend meine 21. Reise – und unsere 20. gemeinsame. Wer Radreisejubiläen wirklich ernst nehmen möchte, braucht also mindestens zwei Zählweisen, eine Spalte für die Reisebegleitung und vermutlich jemanden, der das Ergebnis unabhängig prüft. Auf der Mosel kam noch ein zweites persönliches Jubiläum hinzu. Vor dem Start in Metz standen 4.784 Radreisekilometer in meiner Bilanz. Die Reise bis Koblenz brachte weitere 330 Kilometer. Damit fiel unterwegs die Marke von 5.000 Kilometern.

Der genaue Punkt lag rechnerisch auf der Etappe von Bernkastel-Kues nach Briedel, ungefähr 20 Kilometer nach dem Start. Es gab dort keine Ziellinie, kein Schild und keine bereitstehende Blaskapelle. Der 5.000. Kilometer lag einfach irgendwo an der Mosel. Vermutlich sah er aus wie die Kilometer davor und danach: Fluss, Weinberge, Radweg und die nächste Kurve. Das ist für einen Jubiläumskilometer vielleicht etwas unspektakulär, aber geografisch immerhin recht anständig. Danach lagen noch 114 Kilometer bis Koblenz vor uns. Runde Zahlen sind schließlich kein Grund, den Rest mit der Bahn zu fahren. Zumal man sich auf die auch erst einmal verlassen müsste.

Zwölf gemeinsame Reisejahre

Links beginnt am Bensheimer Bahnhof die erste gemeinsame Radreise. Rechts ist die 20. gemeinsame Tour fast geschafft. Zwölf Reisejahre, 4.648 gemeinsame Kilometer, viele Flüsse, unterschiedliche Hotelzimmer und etliche Bahnkapitel.

Die Etappen sind inzwischen kürzer und die Reisen entspannter geworden. Geblieben ist die Freude daran, gemeinsam unterwegs zu sein und Jahr für Jahr neue Landschaften zu entdecken. Die Deutsche Bahn war schon beim Start Teil der Geschichte und hat ihre Nebenrolle seither konsequent ausgebaut.

Unterwegs auf der 20. gemeinsamen Radreise in Cochem
5. Juli 2026 · Cochem Die 20. gemeinsame Tour – und längst mehr Reise als nur Strecke.

Mehr Reise, weniger Strecke

In den ersten Jahren waren wir erheblich stärker auf Tageskilometer ausgerichtet. Etappen um 70-80 Kilometer waren nichts Außergewöhnliches. Morgens frühstücken, aufs Fahrrad setzen, fahren, ankommen, essen, schlafen. Am nächsten Morgen dasselbe noch einmal. Das hatte durchaus etwas Befriedigendes. Man kam voran. Man konnte abends auf eine beeindruckende Kilometerzahl schauen. Wir mussten aber irgendwann feststellen, dass wir dabei manches schlicht überfahren hatten. Wir kamen teilweise spät am Abend im nächsten Hotel an, waren müde und hatten von der Gegend zwischen den beiden Übernachtungsorten vor allem den Radweg gesehen. Sehenswürdigkeiten wurden zu Dingen, an denen man vorbeifuhr. Städte waren Orte, in denen das Hotel stand. Und Urlaub bedeutete gelegentlich vor allem, an einem anderen Ort erschöpft ins Bett zu fallen. Mit den Jahren hat sich das deutlich verändert.

Heute begrenzen wir die meisten normalen Etappen auf ungefähr 50 Kilometer. Wir fahren weiterhin ohne Motor. Der Motor sitzt auf dem Sattel, benötigt regelmäßige Versorgung und reagiert auf Steigungen gelegentlich mit deutlichen akustischen Rückmeldungen. Dass immer mehr Menschen mit dem E-Bike Radreisen unternehmen, finde ich trotzdem positiv. Es ermöglicht vielen überhaupt erst, längere Touren zu fahren oder Gegenden zu erleben, die ihnen vorher verschlossen geblieben wären. Wir bleiben bislang beim eigenen Antrieb. Das ist aber keine Entscheidung für alle Zeiten. Vielleicht ermöglicht ein E-Bike irgendwann eine Reise, die mit unseren heutigen Rädern so nicht sinnvoll machbar wäre. Entscheidend ist am Ende ohnehin weniger der Antrieb als das, was man unterwegs erlebt.

Die kürzeren Etappen haben vor allem einen Vorteil: Wir haben inzwischen mehr Urlaub vom Urlaub. Wir können unterwegs anhalten, ohne sofort auszurechnen, welche Auswirkungen das auf die geplante Ankunftszeit hat. Wir können eine Altstadt anschauen, eine Führung mitmachen oder in einem Biergarten sitzen bleiben, wenn der Biergarten überzeugend genug ist. Und wir haben Blockübernachtungen eingebaut. Zwei oder mehr Nächte an einem Ort, damit das Hotel nicht nur eine Schlafstation bleibt.

Eine Frage der Größenverhältnisse

Beide Bilder stammen aus den frühen Jahren unserer gemeinsamen Radreisen. Auf der Loreley sorgt die Landschaft dafür, dass wir im Bild eher klein wirken. Bei Würzburg übernahm diese Aufgabe zwei Jahre später eine außergewöhnlich großzügig bemessene Bank.

Achtung: Nach längeren Radreisen kann die Umgebung größer erscheinen, als sie tatsächlich ist. Oder man selbst etwas kleiner. Für einen Jubiläumsrückblick ist das eigentlich eine passende Perspektive: Die Landschaften waren oft groß, wir mittendrin – und auf der Bank war trotzdem noch ausreichend Platz.

Zwei Radreisende auf einer überdimensional großen Bank bei Würzburg
2018 · Bei Würzburg Ausreichend Sitzplatz war zweifelsfrei vorhanden.

2019 hatten wir auf der Bodensee-Reise mehr Zeit in Konstanz und konnten zum Abschluss noch in die Therme nach Meersburg fahren. Im selben Urlaub überraschte uns Stein am Rhein nicht nur mit seiner Altstadt, sondern auch mit einer Stadtführung, bei der eine Krämerin aus dem 19. Jahrhundert durch den Ort führte. 2022 blieben wir länger in Mittenwald. Dadurch konnten wir zum Isarursprung und zur Kastenalm fahren – ein zusätzlicher Tag, der landschaftlich zu den stärksten der gesamten Reise gehört.

2025 machte der Aufenthalt in Meran den Ausflug zum Reschenpass und zur Etschquelle möglich. Von dort ging es später durch das Vinschgau hinunter, zwischen Bergen, Apfelplantagen und Ortschaften, für die man sich auch tatsächlich Zeit nehmen wollte. Und 2026 blieben wir zwei Nächte in Trier. Ich wollte die Stadt schon lange sehen. Dieses Mal sind wir nicht nur abends angekommen und am nächsten Morgen wieder verschwunden, sondern ich habe Trier wirklich etwas kennenlernen können.

Der Rekord der Neckar-Reise mit Yasmin ist vermutlich deshalb bis heute nicht gebrochen. Nicht unbedingt, weil später niemand mehr 466 Kilometer hätte fahren können. Wir organisieren unsere Reisen inzwischen nur nicht mehr danach, möglichst schnell eine neue Bestmarke aufzustellen. Wir könnten vermutlich weiterhin längere Etappen fahren. Wir haben nur verstanden, dass man dabei gelegentlich genau das überfährt, weswegen man überhaupt losgefahren ist.

Vom Oberrhein bis zur Nordsee, von den Alpen bis zur Mosel

21 Reisen ergeben nicht nur Kilometer, sondern eine ziemlich breite geografische Sammlung. Die Neckar-Tour 2012 führte vom Rand des Schwarzwalds durch das Neckartal bis nach Hause an die Bergstraße. Neben dem Mannheim-Aha-Erlebnis war sie der erste Beweis dafür, dass vertraute Regionen aus der Radfahrerperspektive plötzlich anders aussehen können.

Die erste Rheinreise 2015 war dagegen streckenweise eher ernüchternd. Über längere Abschnitte fuhren wir auf Schotter über den Damm, hatten Gegenwind und sahen gefühlt immer dasselbe. Flussradwegromantik kann gelegentlich auch bedeuten, dass man viele Kilometer Zeit hat, dieselben Büsche aus leicht veränderter Entfernung zu betrachten. Tauber und Altmühl folgten 2017. Die Tauber hatte ich als eher familienfreundliche Route im Vorfeld verstanden. Sie nutzte aber dann die Gelegenheit, dieses Bild durch überraschend viele Höhenmeter zu korrigieren.

Der Main zeigte 2018, wie abwechslungsreich eine Flussreise sein kann: Bamberg, Schweinfurt, Volkach, Würzburg, Lohr, Wertheim, Miltenberg und Aschaffenburg – fränkische Städte, Weinberge, Burgen und ein Radweg, der oft tatsächlich dort verlief, wo man ihn sich wünschte: am Fluss. Der Bodensee kam 2019. Dort konnte man im See schwimmen und gleichzeitig auf verschneite Gipfel in Richtung Österreich und Schweiz schauen. Fähren, Uferpromenaden, die Insel Mainau, Meersburg, Lindau, Arbon und Stein am Rhein machten aus der Reise eine Mischung aus Landschaft, Städten und kleinen Grenzübertritten, die auf dem Rad fast beiläufig passieren.

Tierische Begegnungen

Über die Jahre gab es auf unseren Radreisen eine beachtliche Zahl tierischer Begegnungen: Nutrias, Taubenschwänzchen, Greifvögel, einige Schlangen und allerlei weitere Wegbegleiter. Schmetterlinge sind mit uns geflogen, genauso wie Schwalben und Libellen. Nicht alles davon war jetzt mega-spektakulär, manches aber doch so, dass es im Gedächtnis blieb.

Am Affenberg bei Salem kam schließlich sogar ein sehr fotogener Affe hinzu. Auf dem Bild sieht es ziemlich eindeutig so aus, als würde er mich ein wenig auslachen. Ob wegen meines Gesichtsausdrucks, der allgemeinen Reisesituation oder aus grundsätzlicher Überlegenheit, lässt sich im Nachhinein nicht mehr sicher klären.

Begegnung mit einem Affen am Affenberg bei Salem
2019 · Affenberg bei Salem Nicht jede Beobachtung verlief völlig einseitig.

Mit der Internationalen Dollard Route folgte 2020 ein völliger Kontrast: Deiche, Wattenmeer, Ostfriesland, die niederländische Provinz Groningen und Landschaften, die so flach waren, dass man die nächste Steigung vermutlich schon mehrere Tage vorher hätte sehen können.

Die Iller überraschte mich 2021. Vor der Reise hatte ich kaum eine Vorstellung von diesem Fluss. Danach standen der Illerursprung bei Oberstdorf, das Allgäu, Kempten, Memmingen und die Mündung in die Donau in der Bilanz. Der zusätzliche Tag in Oberstdorf brachte uns außerdem auf das Nebelhorn – mit einem Panorama, das für längere Zeit jede Diskussion über die Anstrengung der Anreise erledigte.

Ganz außen, ganz oben

2020 führte die Reise bis an den nordwestlichsten Punkt Deutschlands auf Borkum, ein Jahr später dann auf den Gipfel des Nebelhorns bei Oberstdorf. Dazwischen liegen zwar nur zwölf Monate, landschaftlich aber gefühlt zwei verschiedene Welten.

Links Nordsee, Weite und Randlage. Rechts Bergpanorama, Höhenluft und ein Aussichtspunkt, der ziemlich eindrucksvoll zeigte, wie weit Radreisen einen inzwischen auch geografisch tragen können. Nicht alles wurde dabei mit dem Biobike erklommen, aber der Kontrast bleibt trotzdem bemerkenswert.

Auf dem Gipfel des Nebelhorns
2021 · Nebelhorn Der höchste Punkt dieser Reisejahre.

Dann folgte 2022 die Isar. Besonders zwischen Wallgau und Vorderriß zeigte sie sich als breiter, weitgehend ursprünglicher Fluss, umgeben von Bergen und Kiesbänken. Kein sauber eingefasster Kanal, sondern ein Fluss, der sichtbar Raum bekommt. Dazu kamen der Isarursprung, der Sylvensteinsee, München, Landshut, die Isarmündung und schließlich Passau.

An die Weser ging es 2023. Vom Weserbergland mit seinen Fachwerkstädten führte die Reise immer weiter nach Norden, bis zur Unterweser und nach Cuxhaven. Landschaftlich war das ein langsamer Übergang vom Binnenland zur Küste – meteorologisch allerdings nicht durchgehend ein Sommermärchen. Der Lech folgte 2024. Auch dort waren es vor allem die breiten Flussbetten, die Kiesbänke und die Berge links und rechts, die in Erinnerung geblieben sind. Der Lech kann landschaftlich grandios sein.

Wenn Flüsse Platz haben

Die junge Isar und der Lech gehören zu den Landschaften, die besonders in Erinnerung geblieben sind: breite Kiesbetten, verzweigte Wasserläufe und Berge auf beiden Seiten. Keine sauber eingefassten Kanäle, sondern Flüsse, die sichtbar Raum bekommen.

Zwischen beiden Reisen lagen zwei Jahre. Das Gefühl vor diesen Landschaften war trotzdem sehr ähnlich: Man bleibt stehen, schaut und versteht sofort, weshalb es sich gelohnt hat, an diesem Tag nicht nur möglichst schnell zum nächsten Hotel zu fahren.

Breites Flussbett des Lechs mit Kiesinseln und Bergpanorama
2024 · Lech Alpine Flusslandschaft mit reichlich Raum.

Auf der kurzen Ruhrtal-Tour 2025 warteten wir an der Ruhrtalfähre Hardenstein, als mich eine Frau aus einer anderen Radgruppe ansprach: „Du bist doch der, der immer über die Radtouren schreibt?“ Mitten im Ruhrgebiet ausgerechnet wegen meiner Radreiseberichte erkannt zu werden, gehörte zu den unerwartetsten Begegnungen all dieser Jahre. Die Fähre legte nur wenige Meter zurück – die Anekdote ist deutlich weiter mitgefahren. 

Schließlich überraschte mich 2025 die Etsch besonders positiv. Die Gegend zwischen Meran, Bozen und Trient hatte ich deutlich unterschätzt. Berge, Weinberge, kilometerlange Apfelplantagen, hervorragend ausgebaute Abschnitte und später der Übergang in die mediterranere Landschaft am Gardasee machten die Reise abwechslungsreicher, als ich vorher erwartet hatte. Und die Mosel kam 2026. Erst Frankreich und Luxemburg, später die bekannten deutschen Weinorte, enge Schleifen und steile Hänge voller Reben. Besonders eindrucksvoll war der Blick von der Ruine oberhalb von Bernkastel-Kues auf die Moselschleife. Dort sieht man von oben, was man auf dem Fahrrad unten über viele Kilometer langsam erfahren hat. Das ist vielleicht die größte Stärke von Radreisen: Man sammelt nicht nur Ziele. Man erlebt, wie das eine in das andere übergeht.

Zwischen Aussicht und Schotter

Nach 21 Reisen wäre es unglaubwürdig, so zu tun, als sei jeder Kilometer schön, jede Strecke perfekt und jede Beschilderung eine Meisterleistung gewesen. Manche Tage bestanden aus Gegenwind, Schotter und einem Ausblick, der sich über Stunden nur in Details veränderte. Manche offiziell familienfreundliche Route stellte sich als erstaunlich bergig heraus. Und manche Beschreibung mit Begriffen wie „leicht hügelig“, „kurzer Anstieg“ oder „landschaftlich reizvoll“ führte zu der Erkenntnis, dass Tourismusprosa und menschliche Wahrnehmung nicht immer dasselbe meinen.

Meine Vorliebe für Steigungen bewegt sich weiterhin in einem überschaubaren Bereich. Auf manchen Abschnitten bin ich selbst erstaunt über meine Fähigkeit zum komplexen Fluchen. Höhenmeter fördern offenbar nicht nur die Kondition, sondern auch die spontane Bildung neuer sprachlicher Kombinationen. Am Ende komme ich meistens trotzdem hoch. Und sobald es wieder bergab geht, war alles rückblickend selbstverständlich überhaupt kein Problem.

Mit der Erfahrung verändert sich aber auch der Blick auf Radwege. Man achtet stärker darauf, ob eine Route wirklich für Radreisende geplant wurde oder ob vorhandene Wirtschaftswege nachträglich zu einer touristischen Strecke erklärt wurden. Man merkt, ob ein Weg einen Fluss tatsächlich erlebbar macht oder ihn nur im Namen trägt. Und man sieht, ob Städte und Regionen Radfahrer als Gäste ernst nehmen.

Dabei ist Radtourismus für mich grundsätzlich etwas Positives. Er bringt Menschen langsam durch Regionen, stärkt kleinere Orte und ermöglicht eine Reiseform, bei der der Weg tatsächlich Teil des Urlaubs ist. Es darf nur gerne ein Weg sein, auf dem man nicht permanent rätseln muss, ob die nächste Abzweigung eine sportliche Prüfung, ein Schotterexperiment oder einfach ein Fehler in der Beschilderung ist.

Alles im Rhythmus

Dass 20 gemeinsame Reisen funktionieren, liegt vermutlich auch daran, dass wir unterwegs keine komplizierte Geschäftsordnung brauchen. Navigiert wird gemeinsam. Mal hat der eine recht, mal der andere und gelegentlich stellt sich erst einige Kilometer später heraus, wer die bessere Eingebung hatte. Bei Pausen gilt eine einfache Regel: Wenn einer eine Pause braucht, wird eine Pause gemacht. Ich habe meinen eigenen Rhythmus. Wenn ich zehn Minuten vom Fahrrad herunter möchte, dann steige ich zehn Minuten ab. Umgekehrt funktioniert es genauso. Das muss auch so sein. Eine gemeinsame Reisepartnerschaft hält vermutlich länger, wenn niemand gezwungen wird, seinen Kreislauf zugunsten des Zeitplans demokratisch überstimmen zu lassen.

Sehenswürdigkeiten suchen wir beide heraus. Meistens sind wir uns schon vorher einig, was wir sehen möchten. Und bei Einkehrmöglichkeiten funktioniert die Abstimmung erstaunlich häufig nonverbal. Ein Blick auf den Biergarten. Ein Blick zueinander. Kurzes Abbremsen. Abstimmung abgeschlossen. Bei Hotels und Essen kommen wir nicht immer zum gleichen Urteil. Das ist aber kein Problem, sondern Geschmackssache – bei den Mahlzeiten sogar im wörtlichen Sinne. Mir ist ein Balkon wichtig. Tommy kann darauf eher verzichten, legt dafür mehr Wert auf guten Kaffee. Ich bin beim Kaffee toleranter, solange das Frühstück insgesamt funktioniert. So besitzt jeder sein eigenes Bewertungssystem, ohne dass daraus ein gemeinsamer Kriterienkatalog mit Unterpunkten entstehen müsste. Verglichen wird natürlich trotzdem, weil es einfach interessant ist.

Bei der Organisation sind die Ressorts verteilt. Das Grundgerüst der Reise erarbeite oft ich: Wie lang sollen die Etappen ungefähr sein, von wo nach wo fahren wir, welche Orte eignen sich für eine Übernachtung und wo lohnt es sich, länger zu bleiben? Die konkrete Hotelsuche teilen wir anschließend untereinander auf. An- und Abreise sind dagegen Tommys Aufgabe. Er beschäftigt sich mit Zugverbindungen, Fahrradstellplätzen, Umstiegen und der Frage, ob eine Verbindung, die über Wochen buchbar war, am Reisetag auch tatsächlich stattfinden möchte. Wir haben also kein offizielles Radreise-Organigramm. Aber wir haben Zuständigkeiten. Tommy leitet das Verkehrsministerium, ich entwerfe den Etappenplan, die Hotelplanung ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und nebenbei beschäftige ich mich unter anderem mit Balkonen, Flädlesuppe und der verbalen Bewertung von Steigungen.

Das orange Navigationssystem

Schon auf unserer ersten gemeinsamen Radreise war es dabei: Tommys oranges Hemd. Weil er meistens etwas vorausfährt, entwickelte es sich über die Jahre zu meinem (in)offiziellen Orientierungssystem. Blick nach vorn, Orange entdecken, Richtung stimmt.

Problematisch wird es nur, wenn irgendwo ein anderer Mensch in einem ähnlich orangenen Hemd auftaucht. Dann muss ich kurz genauer hinsehen, bevor ich versehentlich einem völlig Unbeteiligten hinterherfahre. Das Original ist dagegen ausgesprochen verlässlich: Tommy trägt bis heute auf unseren Touren Orange.

Tommy im orangenen Hemd während der ersten gemeinsamen Radreise 2015
2015 · Erste gemeinsame Radreise Das orange Hemd – bis heute im Toureneinsatz.

Erlebniswelt Bahn

Über Bahnreisen mit Fahrrädern könnten wir inzwischen ein eigenes Buch schreiben. Es gibt darüber vermutlich schon bessere. Material hätten wir allerdings ausreichend. Zu den Klassikern gehören Züge, die laut App gerade einfahren, am Bahnsteig aber nie erscheinen. Erstaunlicherweise funktioniert das auch anders herum. Dann gibt es Verbindungen, die über Wochen buchbar waren und am Morgen der Reise plötzlich nicht mehr angeboten werden. Und kaputte Aufzüge, die einem die seltene Gelegenheit geben, ein voll beladenes Reiserad über mehrere Treppen persönlich noch einmal neu kennenzulernen.

Auf der Anreise zur Isar-Reise 2022 endete die Zugfahrt wegen Gleisarbeiten zunächst in Murnau. Die Fahrräder wurden schließlich in einem Transporter weiterbefördert. Wir selbst folgten mit dem Taxi. In Mittenwald warteten die Räder bereits auf uns. Das klang vorher nach einem System, das unmöglich funktionieren konnte. Es funktionierte am Ende erstaunlich gut.

Auf der Etsch-Reise 2025 hatten wir die Deutsche Bahn für die eigentliche Anreise bereits durch den Flixbus ersetzt. Der brachte uns zuverlässig bis Bozen. Für die letzten Kilometer nach Meran gab es allerdings nur Schienenersatzverkehr – und der wollte keine Fahrräder mitnehmen. Also baten wir in einem Fahrradladen um Hilfe und bekamen sie auch. Dort wurde kurzfristig ein Transporter für die Räder organisiert. Die Fahrräder durften mit, wir aus Versicherungsgründen nicht. Also fuhren sie voraus, während wir mit dem Bus hinterherkamen und sie in Meran sicher wieder abholen konnten. Manchmal besteht die zuverlässigste Bahnverbindung offenbar darin, gar nicht mit der Bahn zu fahren – und für den Rest einen hilfsbereiten Fahrradladen zu finden.

Auch auf der Mosel-Reise 2026 gab es kurzfristige Ausfälle und Verbindungen, die beschlossen hatten, an diesem Tag lieber nicht stattzufinden. Trotzdem sind wir bislang immer irgendwie angekommen. Vielleicht erklärt gerade das, weshalb An- und Abreise ein eigenes Ressort geblieben sind.

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Reisebericht: Bodensee-Radweg

Fünf bis über vierzig

Auch beim Wetter haben wir inzwischen ein ziemlich vollständiges Sortiment erlebt. 2019 erreichten die Temperaturen am Bodensee mehr als 40 Grad. Das Wasser war dadurch nicht nur landschaftlicher Hintergrund, sondern eine sehr konkrete Möglichkeit zur Abkühlung. 2020 wurden wir auf der Dollard Route trotz Sommermonaten stellenweise komplett durchnässt. Deiche und Wattenmeer sind wunderschön. Bei Regen und Wind können sie allerdings sehr überzeugend erklären, weshalb dort vergleichsweise wenige Bäume als Unterstand wachsen.

2023 ging es an der Weser ähnlich weiter. Teilweise saßen wir bei ungefähr 15 Grad auf dem Fahrrad. In Cuxhaven konnten wir den Strand weitgehend vergessen, weil es kalt war und regnete. Seitdem fällt bei gefühlt einstelligen Temperaturen im Juli regelmäßig derselbe Satz: „Wir sollten mal im Sommer fahren!“

Rechnerisch hatten wir an solchen Tagen trotzdem 30 Grad: morgens 15 und abends 15. Dazwischen hatte sich nur nichts Wesentliches verändert. 2025 lagen die Temperaturen in Verona wiederum bei mehr als 40 Grad. 2026 überschritt auch die Mosel-Reise im französischen Teil die 40-Grad-Marke, während wir am Edersee noch bei rund fünf Grad unterwegs waren.

Als Mini-Fazit kann man formulieren: Wir sind bei fünf Grad gefahren, bei Regen gefahren, haben bei mehr als 40 Grad nach Schatten gesucht und dazwischen vermutlich jede Wetterlage mitgenommen, die sich mit Fahrradtaschen kombinieren lässt. Die gute Nachricht: Für nahezu jedes Wetter gibt es inzwischen passende Erfahrungen. Die schlechte: Sie helfen nur begrenzt, wenn man gerade mittendrin steckt.

Inoffizielle Radreise-Speisekarte

Eine wissenschaftlich belastbare gastronomische Auswertung liegt bislang zwar nicht vor, aus meinen anekdotischen Erinnerungen lässt sich trotzdem eine recht stabile Speisekarte unserer Radreisen rekonstruieren. Wurstsalat steht weit oben. Dicht gefolgt von Gulasch in allerlei regionalen Variationen. Pommes sind ebenfalls ausgesprochen verlässlich vertreten – mal als Hauptgericht, mal als köstliche Beilage. Und auch Bratkartoffeln haben sich über die Jahre einen festen Platz im Reiseprogramm erarbeitet. Das ist vermutlich alles keine klassische Sporternährung. Nach einigen Stunden auf dem Fahrrad verliert die ernährungswissenschaftliche Debatte allerdings meistens deutlich an Dringlichkeit.

Auf der Internationalen Dollard Route 2020 suchten wir auf dem niederländischen Abschnitt vergeblich nach Wurstsalat. Dafür war die Küche erwartungsgemäß sehr fischlastig, was als Abwechslung ausgesprochen willkommen war. Am unteren Ende meiner persönlichen Rangliste steht allerdings ebenfalls ein niederländisches Gericht: ein Entrecôte in Groningen. Es war denkwürdig, allerdings nicht in einer Weise, die nach Wiederholung verlangt. Auch nach vielen tausend Kilometern gilt: Nicht jede kulinarische Erinnerung muss gepflegt werden.

2021 machten wir auf dem Donauabschnitt der Iller-Reise an der Radler-Tankstelle in Offingen Station. Der Name war Programm: Wurstsalat, Brot und Getränke zur schnellen Wiederherstellung der Betriebsbereitschaft. Am Abend folgte in Dillingen an der Donau das bis heute beste Essen aller Reisen: Sauerbraten-Gulasch. Bayerischer Sauerbraten, zu Gulasch verarbeitet – eine Kombination, von der ich vorher nicht wusste, dass sie mir in meinem Leben gefehlt hatte. 2025 entwickelte sich in Italien wiederum ein völlig anderes Versorgungssystem – eines, das bereits mit der Getränkebestellung begann. Die italienische Gastronomie hatte offenbar eine einfache Lösung für hungrige Radfahrer gefunden: Man bestellte etwas zu trinken und bekam das Essen aus Sorge gleich mitgeliefert.

 

Aperitivo mit Vollverpflegung

In Italien entwickelte sich die Getränkebestellung zu einem erstaunlich zuverlässigen Versorgungssystem. Zum Aperitivo kamen Oliven, Nüsse, Chips, Salzgebäck, kleine Brote und weitere Dinge, die offiziell nur Knabbereien waren, zusammen aber bereits eine belastbare Mahlzeit ergaben.

Wer sich einen zweiten Aperitivo gönnte, bekam teilweise auch eine zweite Ausstattung dazu. Damit bestand die eigentliche Herausforderung weniger darin, nach einer Radetappe satt zu werden, sondern beim späteren Abendessen noch überzeugend hungrig auszusehen.

Aperitivo mit Oliven, Nüssen und Chips in Torri del Benaco
2025 · Torri del Benaco Die Gardasee-Variante mit systematischem Knabbernachschub.

Für mich gehört außerdem die Flädlesuppe fest zur Reiseplanung. Die ist gedanklich meistens schon bestellt, bevor ich den ersten Kilometer gefahren bin. Man könnte sie deshalb als kulinarisches Etappenziel bezeichnen, auch wenn ihr genauer Standort bei der Abfahrt oft noch nicht feststeht. Während Tommy also noch prüft, ob unsere Rückfahrt drei oder vier Umstiege enthält, bin ich innerlich bereits bei der Frage, wo es die erste vernünftige Suppe gibt.

Und dann ist da natürlich der Wurstsalat.

Zwölf Exemplare aus zwölf Jahren gemeinsamer Radreisen sind hier mal fotografisch dokumentiert: Vom frühen Werk am Rhein über den Wurstsalat im Archivglas in Miltenberg bis zum Tegelberg bei Füssen und zur moselländischen Kartoffeloffensive in Trier.

Eine kleine Typologie des Radreise-Wurstsalats

Zwölf Wurstsalate aus zwölf Jahren gemeinsamer Radreisen. Eine fotografische Langzeitbeobachtung zwischen Rhein, Donau, Weser, Mosel und bemerkenswerten Mengen roher Zwiebeln.

Wurstsalat auf der Rhein-Radreise 2015 mit Ei, Möhren und Krautsalat
Rhein – Das Frühwerk
Rhein-Radweg · 2015

Glasplatte, Ei, Krautsalat und ein kompakter Wurstsalat im Zentrum. Noch ahnte niemand, dass hier der Beginn einer jahrelangen fotografischen Langzeitbeobachtung festgehalten wurde.

Kuratorische Anmerkung: Ein frühes Werk aus der Zeit, bevor die wissenschaftliche Bedeutung des Motivs erkannt war.
Wurstsalat mit einer großen Menge Zwiebeln in Dollnstein
Dollnstein – Der Zwiebelgipfel
Tauber-Altmühl-Radweg · 2017

Die Wurst dient hier vor allem als tragfähiges Fundament für eine beachtliche Zwiebelkonstruktion. Das Brot in mehreren Ausführungen dürfte zusätzliche statische Aufgaben übernommen haben.

Kuratorische Anmerkung: An der Altmühl erreichte die Zwiebelauflage erstmals annähernd alpine Dimensionen.
Wurstsalat mit Bratkartoffeln in Lohr am Main
Lohr am Main – Die Kartoffelkoalition
Main-Radweg · 2018

Wurstsalat und Bratkartoffeln teilen sich den Teller nahezu paritätisch. Beide Seiten sind großzügig besetzt, ohne dass eine von ihnen bereit wäre, sich mit der Rolle einer bloßen Beilage zufriedenzugeben.

Kuratorische Anmerkung: Am Main wurde die Gleichberechtigung von Wurst und Kartoffel weitgehend verwirklicht.
Wurstsalat im Einmachglas in Miltenberg
Miltenberg – Der Wurstsalat im Archivglas
Main-Radweg · 2018

Serviert im verschließbaren Einmachglas, als müsse wenigstens ein Teil der Portion für spätere Generationen konserviert werden. Der Wurstsalat wird vom Biergartengericht zum musealen Objekt.

Kuratorische Anmerkung: Das einzige Exemplar der Sammlung mit eigener Schutzverglasung.
Wurstsalat mit separat servierten Bratkartoffeln in Enkenbach-Alsenborn
Enkenbach-Alsenborn – Das modulare System
Barbarossa-Radweg · 2019

Wurstsalat auf Salatbett, dazu Bratkartoffeln in separaten Schüsseln. Eine flexible Bauweise, bei der das Verhältnis von Wurst, Grünzeug und Kartoffeln individuell geregelt werden kann.

Kuratorische Anmerkung: Der erste vollständig personalisierbare Wurstsalat-Baukasten.
Käsefreier Wurstsalat mit Zwiebeln und Brot in Friedrichshafen
Friedrichshafen – Die käsefreie Bodensee-Variante
Bodensee-Radweg · 2019

Geografisch nähert sich die Reise hier der Schweiz. Kulinarisch bleibt dieser Teller jedoch eindeutig auf der käsefreien Seite: Wurstsalat, Zwiebeln und Brot, ohne unnötige Grenzverwischung.

Kuratorische Anmerkung: Grenznähe allein führt noch nicht automatisch zur Schweizer Variante.
Wurstsalat mit Bratkartoffeln und Zwiebeln in Schlitz
Schlitz – Die vollständige Versuchsanordnung
Vulkanradweg · 2021

Wurstsalat, Zwiebeln und Bratkartoffeln in einer ebenso übersichtlichen wie vollständigen Anordnung. Kein unnötiges Beiwerk, keine offenen Zuständigkeitsfragen und eine klare Verteilung auf dem Teller.

Kuratorische Anmerkung: Ein belastbarer Einzelversuch mit unmittelbar verwertbarem Ergebnis.
Wurstsalat an der Donau-Radler-Tankstelle in Offingen
Offingen – Die Radler-Tankstellen-Ausgabe
Iller- und Donau-Radweg · 2021

Reduziertes Design auf rotem Tablett: Wurst, Zwiebeln und Brot. Hier geht es nicht um Inszenierung, sondern um die schnelle Wiederherstellung der Betriebsbereitschaft.

Kuratorische Anmerkung: Der einzige Wurstsalat der Sammlung, der offiziell als Kraftstoff durchgehen könnte.
Wurstsalat mit Pommes in Berg in der Pfalz
Berg in der Pfalz – Die internationale Pommesfrage
Elsass-Tour · 2023

Eine großzügige Portion Wurstsalat neben einem ebenso großzügigen Pommesberg. Das Mengenverhältnis zeigt eine klare Vorstellung von angemessener Kohlenhydratzufuhr im deutsch-französischen Grenzraum.

Kuratorische Anmerkung: International geprägt, aber sicherheitshalber mit Ketchup.
Wurstsalat mit Blattsalat, Gurken und Tomaten in Rinteln
Rinteln – Der Landschaftsgärtner
Weser-Radweg · 2023

Ein Wurstsalat, eingebettet in Gurken, Tomaten und beträchtliche Mengen Blattsalat und Beiwerk. Das eigentliche Hauptgericht liegt unter einem grünen Hügel und muss zunächst landschaftlich erschlossen werden.

Kuratorische Anmerkung: An der Weser trat der Wurstsalat erstmals als eigenständiges Biotop auf.
Hoch aufgetürmter Wurstsalat mit Brezel und Alpenpanorama bei Füssen
Füssen – Der Tegelberg
Lech-Radweg · 2024

Der höchste dokumentierte Wurstsalat unserer Radreisegeschichte. Vor Alpenkulisse serviert, flankiert von Brezel und Bier und damit topografisch wie ernährungsphysiologisch schwer zu überbieten.

Kuratorische Anmerkung: Während andere Wurstsalate auf Tellern liegen, besitzt dieser ein eigenes Panorama. Die Brezel markiert vermutlich den Gipfelbereich.
Wurstsalat mit Bratkartoffeln und roten Zwiebeln in Trier
Trier – Die moselländische Kartoffeloffensive
Mosel-Radweg · 2026

Wurstsalat mit Bratkartoffeln, roten Zwiebeln und eingelegtem Gemüse. Die Kartoffeln nehmen deutlich mehr Raum ein als eine gewöhnliche Beilage und treten beinahe als gleichberechtigter Hauptdarsteller auf.

Kuratorische Anmerkung: An der Mosel wurde der Begriff „Beilage“ erneut sehr großzügig ausgelegt.
Zwölf Wurstsalate aus zwölf Jahren Radreisen, mehreren Flusssystemen und nahezu allen bekannten Formen der Kartoffelbeilage. Eine abschließende Rangliste ist nicht möglich. Zu unterschiedlich waren Landschaft, Tagesform und Zwiebeldichte. Als gesichert darf lediglich gelten, dass Wurstsalat über Jahre hinweg eine stabilere Reisebegleitung war als manche Bahnverbindung.

Nach 21 Reisen…

Der Anlass für diesen Rückblick ist nicht allein eine schöne Erinnerung, sondern eine ziemlich konkrete Bilanz. Meine persönliche Radreisegeschichte umfasst inzwischen 21 dokumentierte Reisen, 5.114 Kilometer, 150 Reisetage, sieben Länder, 108 Hotel-Einträge, 133 dokumentierte Highlights und 82 Einkehrtipps – zusammen 215 Empfehlungen oder im Durchschnitt etwa zehn pro Reise. Ich führe offenbar nebenbei einen Reiseführer. Und wenn jetzt jemand nachzählt: Ja! Vermutlich habe ich schon wieder daran rumgebastelt und es sind ein paar mehr geworden. Die gemeinsame Bilanz mit Tommy beginnt 2015 und umfasst 20 Reisen, 4.648 Kilometer, zwölf aufeinanderfolgende Reisejahre und seit 2019 bemerkenswert diszipliniert genau zwei Touren pro Jahr. Andere Menschen entwickeln Gewohnheiten. Wir produzieren Datensätze.

Die längste Reise bleibt die erste: 466 Kilometer auf dem Neckar-Radweg mit Yasmin. Die längste gemeinsame Reise mit Tommy war 2017 der Tauber-Altmühl-Radweg mit rund 400 Kilometern. Die kürzeste war 2026 die Edersee-Tour mit 70 Kilometern. Der Rhein war an neun Reisen beteiligt. Die Donau kam viermal vor. Insgesamt stehen 25 benannte Flüsse, Seen und andere Gewässer in der Bilanz. Deutschland war bei 20 der 21 Reisen beteiligt. Nur die Etsch- und Gardasee-Reise verlief vollständig außerhalb des Landes. Das kann man Heimatverbundenheit nennen. Oder eine sehr langsame Form, sich von Bensheim zu entfernen.

Als ich die Reisen für den neuen Radreise-Atlas zusammengetragen habe, wurden viele dieser Zahlen erstmals wirklich sichtbar. Dort lassen sich inzwischen die Touren, Streckenpunkte, Hotels, Landschaften, Reiseberichte und Empfehlungen gemeinsam erkunden. Der Atlas ist damit das Archiv der Reisen. Die eigentliche Geschichte liegt aber weiterhin draußen. 

Kein Schlusspunkt

Die 20. gemeinsame Radreise ist gefahren. Und irgendwo an der Mosel lag mein persönlicher 5.000. Radreisekilometer. Beides ist ein guter Grund, einmal zurückzuschauen. Auf Orte, die besser waren als erwartet. Auf Strecken, die anstrengender waren als angekündigt. Auf wilde Flüsse, verschneite Gipfel, enge Moselschleifen, Deiche im Regen und italienische Abende, an denen zum Aperitivo genügend Beiwerk für ein vollständiges Abendessen geliefert wurde.

Auf kaputte Aufzüge, verschwundene Züge und Fahrräder, die mit einem Transporter vorausfuhren, während wir mit dem Bus hinterherkamen. Auf Stadtführungen, Frühstücksbuffets, Biergärten und Pausen, die inzwischen genauso zur Reise gehören wie die Kilometer. Und vor allem auf eine gemeinsame Form des Reisens, die sich über zwölf Jahre verändert hat, ohne ihren Kern zu verlieren. Früher war wichtiger, wie weit wir an einem Tag kommen. Heute ist wichtiger, was zwischen Start und Ziel liegt.

Dass wir dabei bislang ohne Motor unterwegs sind, gehört zu dieser Geschichte. Ob das für immer so bleibt, muss heute niemand entscheiden. Dass wir uns aufeinander verlassen können, ist ohnehin wichtiger. Und dass wir nach 20 gemeinsamen Reisen weiterhin beide Lust haben, die nächste zu planen, ist vermutlich die beste Jubiläumsbilanz von allen. An dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön für sensationelle Erlebnisse in mehr als einer Dekade. Ein Schlusspunkt ist weder die 20. gemeinsame Tour noch mein 5.000. Kilometer. Dafür gibt es noch zu viele Gegenden, die wir nicht vom Radweg aus gesehen haben. Und vermutlich auch noch einige Frühstücksbuffets, deren Qualität dringend überprüft werden muss.

 

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Zuletzt aktualisiert am 31. Juli 2026

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